Hier findet ihr Infos zu meinen Kurzgeschichten

Meine ers­te Kurzgeschichte ist im Gmeiner Verlag erschie­nen, Herausgeber der Anthologie sind Lutz Kreutzer und Uwe Gardein.

Hamburg Anthologie

Folgender Kurzkrimi ist am 5. Dezember 2018 im Krimi-Adventskalender von MarieBastide erschie­nen

Die Wohnung – von Carola Christiansen

 

Sie saß auf dem Sofa, die Füße exakt par­al­lel neben­ein­an­der auf der Auslegware, die Knie fest zusam­men­ge­drückt. Ihre Stricknadeln flo­gen. Sie erzeug­ten ein unab­läs­si­ges lei­ses Klicken.

 

Er saß bewe­gungs­los auf dem Sessel. Die Zeitung hat­te er sin­ken las­sen. Sein Gesicht war zu einer miss­mu­ti­gen Maske erstarrt. Die Augen fun­kel­ten bös­ar­tig dar­in. Das Geräusch ihrer Stricknadeln mach­te ihn wahn­sin­nig. Er muss­te an Loriot und die Geschichte mit dem Frühstücksei den­ken. Ein ein­zi­ger Satz hat­te sich ihm ein­ge­prägt, und er wie­der­hol­te ihn wie ein Mantra: Irgendwann brin­ge ich sie um…. Er knüll­te den Zettel in sei­ner Faust zusam­men.

 

Während die Wolle sich zwi­schen ihren Händen zu einer Socke ver­form­te, dach­te sie dar­an, dass sie in einer Woche ihren 60. Hochzeitstag fei­ern wür­den. 60 Jahre mit die­sem bor­nier­ten Scheusal! Hoppla, jetzt hat­te sie die Farben falsch auf­ge­nom­men! Sie trenn­te die letz­ten Reihen auf. Warum hat­te sie es nicht geschafft, sich zu tren­nen? Sinnlose Fragen: Warum? Wieso? Weshalb? Sie dach­te an den Zettel in ihrem Ärmel und seufz­te.

 

Die jun­ge Frau leg­te eine Hand auf ihren nicht mehr ganz so fla­chen Bauch. Noch gut fünf Monate, dann war es soweit! Gnädig ertrug sie sei­ne Zärtlichkeiten. Obwohl sie lang­sam unge­dul­dig wur­de. Er hat­te den Kopf an ihrer Brust ver­gra­ben und strei­chel­te ihr Gesicht. Sie seufz­te und sah auf die Designer-Wohnzimmeruhr. Dazu muss­te sie ihre Position auf dem Sofa etwas ver­la­gern. Die Hand auf ihrer Wange hielt in der Bewegung inne. Er hob den Kopf, such­te ihren Blick. Sie ver­zog das Gesicht zu einem beru­hi­gen­den Lächeln und drück­te sei­nen Kopf zurück. Sie hat­ten noch Zeit.

Ihre Gedanken began­nen zu wan­dern. Spätestens von dem Augenblick an, als sie die bei­den Alten in ihrer Wunschwohnung auf­ge­sucht hat­ten, war klar gewe­sen, dass die nicht so bald und schon gar nicht frei­wil­lig aus­zie­hen wür­den. Sie seufz­te. Es war ein­fach nicht fair! Diese Wohnraumsituation! Da waren sie, ein erfolg­rei­ches Paar! Er ein gefrag­ter Webdesigner, sie eine Bloggerin mit meh­re­ren Tausend Followern. Und was nütz­te ihnen das? Sie erwar­te­ten Nachwuchs und wür­den schon bald eine grö­ße­re Wohnung brau­chen! Wie soll­ten sie die fin­den? Ein Leben außer­halb der Großstadt kam für sie nicht infra­ge. Wie soll­te sie den nagel­neu­en Porsche-Kinderwagen über unbe­fes­tig­te Dorfstraßen zer­ren? Und, schlim­mer noch, wer wür­de sie sehen? Sie wür­de zwi­schen schmut­zi­gen Windeln und Babybreis zugrun­de gehen – und nie­mand wür­de es auch nur bemer­ken!

Nein, rede­te sie sich ein, es war völ­lig in Ordnung, dem Tod ein wenig auf die Sprünge zu hel­fen! Letztendlich – was hat­te man mit über 80 schon noch von sei­nem Leben? Warum konn­ten die­se stör­ri­schen Alten es nicht ein­se­hen und end­lich abkrat­zen?! Wenn sie schon nicht aus­zie­hen woll­ten!

 

Blaulicht ver­zerr­te die Nacht. Ein altes Ehepaar lag zer­schmet­tert auf dem Boden vor dem Mietshaus. Mindestens eben­so rät­sel­haft war der Tod des jun­gen Ehepaares in der Wohnung der alten Herrschaften. Wie sich spä­ter her­aus­stell­te, hat­ten sie ver­gif­te­ten Champagner getrun­ken. Die jun­ge Frau leb­te noch, war aller­dings ins Koma gefal­len. Fünf Monate und vier Tage spä­ter, wur­de sie von einem gesun­den Kind ent­bun­den. Danach wur­den ihre lebens­er­hal­ten­den Maßnahmen abge­schal­tet.

 

Das Ehepaar fass­te sich an den Händen. Sie hielt behut­sam das Bündel mit dem win­zi­gen Säugling. Die Adoption war nicht ganz ein­fach gewe­sen, da sie bei­de schon fast 40 Jahre alt waren. Aber wich­tig war nur, dass es geklappt hat­te!

Und dann war auch noch, völ­lig über­ra­schend, die­se Wohnung frei gewor­den….