Zwischen den Kanälen von Hamburg und Venedig
spielt mein neu­es Buch

Liebe Leserin, lie­ber Leser,

   die Handlung in die­sem Buch ist aus­schließ­lich mei­ner Phantasie ent­sprun­gen! So wie auch die bei­den vor­he­ri­gen Teile der Serie frei erfun­den sind…

   Dieses Mal gibt es jedoch einen Unterschied:

Die Geschichte Abdel bin Rahmans, die von den Polizisten gele­sen wird, sowie die Geschichte Marco bin Kanafaris, die ich am Ende ange­fügt habe, sind Tatsachenberichte. Sie sind von den bei­den Protagonisten selbst ver­fasst wor­den.

 

   Ursprünglich hat­te ich vor, authen­ti­sche Lebensgeschichten in extra Kapitel auf­zu­neh­men. Zu die­sem Zweck durf­te ich mehr­mals in einer Geflüchtetenunterkunft hos­pi­tie­ren und u.a. am Deutschunterricht für Erwachsene teil­neh­men.

   Ein gro­ßes Dankeschön dafür!

  Es war eine beein­dru­cken­de Erfahrung für mich. Ich habe ent­setz­li­che Dinge gehört und Menschen erlebt, die ver­su­chen, die­se Dinge hin­ter sich zu las­sen und nach vorn zu schau­en.

   Eine Freundin, die als frei­wil­li­ge Unterstützerin in einer ande­ren Unterkunft hilft, durf­te mir eben­falls Auszüge aus eini­gen Lebensgeschichten erzäh­len. Allerdings unter der Auflage, dass sie nicht in einem Buch erschei­nen dür­fen.

   So habe ich mich irgend­wann von mei­ner ursprüng­li­chen Idee ver­ab­schie­det. Aus Respekt vor den Menschen, die bereit waren, schreck­li­che Erlebnisse mit mir, aber eben nur mit mir, zu tei­len.

   Am Ende gab es trotz­dem eine Überraschung! Zwei Menschen haben mich dar­um gebe­ten, ihre Geschichte doch zu ver­öf­fent­li­chen. Sie möch­ten nicht, dass ihr Leiden in Vergessenheit gerät.

   Ich habe die­se bei­den Berichte mit ande­ren Namen ver­se­hen.

   Alle Geflüchteten, die mir ihre Erlebnisse anver­traut haben, wer­den immer noch ver­folgt, oder haben zumin­dest Angst davor.

 

   In Venedig haben mir vie­le Menschen unglaub­lich gehol­fen! Niemand von ihnen möch­te erwähnt wer­den.

   Aber hier mein Dank an euch!

Ich hof­fe, dass mein Buch irgend­wann auf Italienisch erscheint, damit ihr es lesen könnt!

   A Venezia, mol­te per­so­ne mi han­no aiuta­to incredi­bilm­en­te! Nessuno di loro vuo­le esse­re men­zio­na­to.

    Ma ecco i miei ringra­zia­men­ti a voi!

Spero che un gior­no il mio libro ven­ga pub­bli­ca­to in ita­lia­no, così che pos­sia­te leg­ger­lo!

 

   Die beschrie­be­nen Fake-Taschenverkäufer wird man auf dem Markus-Platz ver­geb­lich suchen. Der Verkauf die­ser Handtaschen ist in Italien straf­bar. Im Übrigen auch unnö­tig, denn die Leder-Produkte aus natio­na­ler Herstellung kön­nen sich auch ohne Designer-Label sehen las­sen…

 

   Der Chorauftritt der ach­ten Klassen der Max-Brauer-Schule fand tat­säch­lich am 13. Juni 2019 im Mercado in Hamburg Altona statt! Ich war zufäl­lig gera­de ein­kau­fen.

Und ich habe wie­der ein­mal fest­ge­stellt – Musik bewegt!

 

   Einer Frau zumin­dest, kann ich hier offen mei­nen Dank aus­spre­chen – mei­ner Mörderischen Schwester Fenna Williams!

   Auf ihren wun­der­ba­ren Schreib-Retreats in Venedig habe ich mich in die Stadt ver­liebt!

Leseprobe

Arbeitstitel: Die letz­te Flucht/Tod zwi­schen Kanälen

 

Ayise hat­te einen lan­gen Tag hin­ter sich. Aber es war nicht ihre Arbeit, die sie erschöpf­te, oder bes­ser gesagt, wütend mach­te. Lange Schichten war sie gewöhnt, und die Bandbreite mensch­li­chen Leids war ihr mitt­ler­wei­le ver­traut. Auch ihre Schützlinge konn­ten sie nicht mehr über­ra­schen. Bis heu­te Morgen war sie davon aus­ge­gan­gen, einen stink­nor­ma­len Arbeitstag vor sich zu haben. Soweit nor­mal bei ihrer Tätigkeit mög­lich war. Denn irgend­et­was pas­sier­te immer. Das war fast das ein­zi­ge, wor­auf man sich hun­dert­pro­zen­tig ver­las­sen konn­te. Dort, wo sie arbei­te­te, in die­sem ein­ge­zäun­ten Areal ver­lo­re­ner Hoffnungen. Im Volksmund hieß es Asylantenheim, über­setzt ins Beamtendeutsch: Erstaufnahme für asyl­su­chen­de Geflüchtete.

Fade Überschriften, Sammelbegriffe für etwas, von denen die meis­ten Mitbürger nur eine vage Vorstellung hat­ten. Und nun das! Was sie und vor allem die Asylbewerber jetzt zu über­rol­len droh­te, konn­te genau der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen brach­te! Erinnerungen an Unaussprechliches lau­er­ten wie Sprengstoff am Grund, hin­ein­ge­spült von einer Flut aus Tränen. Mittlerweile gär­te es in die­sem Fass. Es fehl­te nur ein Funke, dann wür­de es eine gewal­ti­ge Explosion geben.

Sie sah die Vertreter der Presse vor dem Tor. Daran hät­te sie den­ken kön­nen! Gerade berei­te­te sie sich auf eine Konfrontation vor, den Kopf gesenkt wie ein Stier vor dem Angriff, da ent­fern­ten sich die Reporter. Wie Eisenspäne, die an einen Magneten flo­gen, wog­ten sie auf einen gemein­sa­men Punkt zu. Ayise schau­te ver­blüfft hin­ter­her. Auf jeden Fall ging es weg von ihr, sie fass­te sich und eil­te zum Parkplatz.

Jetzt hat­ten sie und ihre Schutzbefohlenen eine Mordermittlung am Hals! Zusätzlich zu dem nor­ma­len täg­li­chen Wahnsinn. All die Gräuel, die sie erlebt hat­ten, und die sie ver­such­ten zu bewäl­ti­gen. Mehr und mehr wur­den sie ihres ers­ten, bei­na­he kind­lich nai­ven Vertrauens beraubt. Und natür­lich wür­de das Ergebnis von Anfang an fest­ste­hen! Es war ein­fach nicht fair! Aber Ayise war auch prag­ma­tisch. Dass es im Leben sel­ten fair zuging, war ihr bewusst. Die meis­ten der Menschen, die sie hier betreu­te, teil­ten die­se Einschätzung. Sofern sie über­haupt dazu in der Lage waren, sich mit den Gedanken an Fairness, oder etwas Vergleichbarem, aus­ein­an­der­zu­set­zen. Wer mit ange­se­hen hat­te, wie sei­ne Familie abge­schlach­tet wur­de, für den war der Begriff Fairness nicht mehr als eine Illusion. Schlimmer noch, eine Banalisierung von Ungeheuerlichem.

Wütend blieb sie vor ihrem ver­beul­ten Auto ste­hen. Sie schlug mit der Faust aufs Dach, was nicht ganz ein­fach war, denn sie war ziem­lich klein.

Sie warf sich auf den Fahrersitz und wühl­te in ihrer volu­mi­nö­sen Handtasche nach den Zigaretten. Auch das noch! Hatte sie wie­der nicht auf­ge­passt, hat­te sie ihr doch wie­der irgend­je­mand geklaut? Als sie die Packung mit den Fingerspitzen berühr­te, mel­de­te sich ihr schlech­tes Gewissen. Es war leicht, immer das schein­bar Offensichtliche zu den­ken. Aber damit lag man eben sehr oft auch falsch.

Sie zün­de­te sich eine Filterlose an und inha­lier­te gie­rig. Was konn­te sie tun? Langsam nahm eine Idee in ihrem Kopf Gestalt an. Sie drück­te die halb auf­ge­rauch­te Kippe in den Aschenbecher und zog sich die Lippen nach. Sie leuch­te­ten kar­me­sin­rot in der Dunkelheit. Entschlossen lenk­te sie den Wagen in die Ehrenbergstraße. Natürlich weit und breit kein Parkplatz! Sie blieb im Halteverbot ste­hen und zog den Zündschlüssel. Beim Aussteigen schimpf­te sie lei­se auf Türkisch vor sich hin. Ungeduldig strich sie über ihre wider­spens­ti­gen Haare. Wie Medusas Schlangen wog­ten sie um ihren Kopf. Dann mar­schier­te sie los, in dem ihr eige­nen, unver­wech­sel­ba­ren Gang. Energisch, dyna­misch, ab und zu ein klei­ner Hüpfer. Dabei strahl­te sie die geball­te Energie eines Kugelblitzes aus. Vor der Tür sah sie sich nach allen Seiten um, bevor sie auf Zehenspitzen den obers­ten Klingelknopf drück­te.

»Detektei Wagner, was kön­nen wir für Sie tun?«, flö­te­te es aus der Gegensprechanlage.

»Hallo Val, ich bin es Ayise, wir ken­nen uns von…

»Ayise! Was für eine Überraschung! Komm rauf!«, wur­de sie von der Stimme unter­bro­chen.

Kaum war sie oben ange­kom­men, wur­de die Tür auf­ge­ris­sen. »Bonjour! Aber natür­lich erin­ne­re ich mich an dich!« Die Besitzerin der Stimme, ehr­furcht­ge­bie­tend groß und eine Hälfte der zwei Detektive, stand im Türrahmen.

»Wer könn­te dich ver­ges­sen«, füg­te sie hin­zu und lächel­te.

Ayise lächel­te erleich­tert zurück.

»Das gilt auch für dich, mei­ne Liebe!« Takt war noch nie ihre beson­de­re Stärke gewe­sen.

Ihr Gegenüber grins­te breit.

»Komm rein!«

Die Tür fiel ins Schloss, und Vals Bruder Valentin Wagner kam aus sei­nem Büro.

»Hallo«, sag­te er und lächel­te auf sei­ne schüch­ter­ne Art. Vor nicht all­zu lan­ger Zeit war er Kommissar am Flughafen gewe­sen. Dicklich und mehr als nur ein biss­chen unbe­hol­fen. Inzwischen hat­te er sich äußer­lich radi­kal ver­än­dert. Moppelig war ges­tern. Sport und bewuss­tes Essen hat­ten sei­ne Figur gestählt. Aber tief im Innern war er immer noch unsi­cher. Ayise strahl­te ihn an.

»Hallo, mein Lieber! Du siehst phan­tas­tisch aus!«

Er räus­per­te sich ver­le­gen.

»Hrm, Unsinn!«

Val unter­brach ihn.

»Was führt dich her? Ein rein freund­schaft­li­cher Besuch, oder woll­test Du fra­gen, ob ich beim nächs­ten Flüchtlingscafé hel­fe?«

»Hm, bei­des ein biss­chen. Aber haupt­säch­lich brau­che ich eure Unterstützung als Detektive!«

Die Geschwister sahen sich an.

»Wenn das so ist«, sag­te Val, »dann gehen wir in unser Büro!« Energisch schritt sie vor­aus.

»Möchtest du einen Kaffee?«, frag­te ihr Bruder.

»Lieber einen Pfefferminztee, wenn es geht…«, erwi­der­te Ayise.

»Aber sicher!« Er ver­schwand in der Küche.

Als end­lich alle saßen, begann Ayise ihr Anliegen vor­zu­tra­gen. »Heute ist die Polizei bei uns im Flüchtlingsheim gewe­sen. Das kommt zwar öfter mal vor, aber dies­mal gab es einen beson­ders schreck­li­chen Anlass.«

Sie schwieg kurz, dann brach es aus ihr her­aus: »In der Nähe der Unterkunft haben sie ein totes Kind gefun­den!«

Sie sah von einem zum ande­ren. Dann fuhr sie in das betrof­fe­ne Schweigen hin­ein fort: »Na und ratet mal, wen sie zuerst ver­däch­tigt haben? Ha! Irgendein Idiot hat jeman­den mit einem schwar­zen Hoody vom Tatort weg­lau­fen sehen! Die woll­ten also allen Ernstes wis­sen, ob einer unse­rer Bewohner ein schwar­zes Hoody hat!« Sie wisch­te sich mit einer Hand über die Stirn. »Was glaubt ihr wohl? Jeder ZWEITE hat so ein däm­li­ches schwar­zes Teil! Abgesehen davon, auch jeder zwei­te Betreuer – aber das inter­es­siert natür­lich nie­man­den!«

Val schloss für einen Moment die Augen. Erinnerungen an den ers­ten Fall der Detektei flu­te­ten ihr Gedächtnis. Sie hat­te ver­stö­ren­de Einblicke in die Kinderpornografie-Szene erle­ben müs­sen.

»Geht es um Missbrauch?«, frag­te sie schließ­lich.

Ayise starr­te eini­ge Sekunden vor sich hin.

»Ich fürch­te ja!«, erwi­der­te sie hei­ser. »Aber mei­ne Geflüchteten, sie sind nicht so! Sie wol­len kei­nen Sex mit Kindern! Fast alle haben schreck­li­che Dinge erlebt. Sie möch­ten nur ver­ges­sen. Und wenn sie über­haupt an so etwas den­ken, dann nur mit den Frauen, die sie zurück­las­sen muss­ten!« In ihre Augen hat­te sich ein fle­hen­der Ausdruck geschli­chen.

Val seufz­te. »Und die Polizei…?«

»Kannst du es dir nicht den­ken?«

Die Geschwister war­fen sich einen Blick zu.

»Weißt du wie der Ermittlungsleiter heißt?«

»Hm. Irgend so ein Typ aus dem Paradies!«

Val prus­te­te los. Ihr Bruder sah sie stra­fend an.

»Adam?«, frag­te er.

»Ja rich­tig, genau!« Erleichtert sah Ayise von ihm zu sei­ner Schwester. »Er sieht eigent­lich ziem­lich gut aus…«

Val grins­te dies­mal sehr breit.

»Aber das wis­sen wir doch!«

Ihr Bruder ver­dreh­te die Augen.

»So weit so gut! Siegfried ist zumin­dest inte­ger und auf kei­nen Fall ras­sis­tisch!«

Spöttisch erwi­der­te sei­ne Schwester: »Klar, wir müs­sen auch für Kleinigkeiten dank­bar sein!«

Bevor Wagner ant­wor­ten konn­te, sag­te Ayise: »Gut, dann bin ich auch dank­bar! Aber wir brau­chen trotz­dem Hilfe. Die meis­ten unse­rer Bewohner haben eine Heidenangst vor der Polizei. In ihrer Heimat wur­den sie oft von den­je­ni­gen ver­folgt, die sie eigent­lich schüt­zen soll­ten! Einige wur­den gefol­tert, ande­re muss­ten mit­an­se­hen, wie ihre Familien ermor­det wur­den. Könnt ihr euch ein unge­fäh­res Bild machen?«

Wagner wisch­te sich über die Augen. Er war ein­fach zu sen­ti­men­tal! Seine Schwester run­zel­te die Stirn.

»Du möch­test also, dass wir die Unschuld der Geflüchteten bewei­sen. Wir sol­len den wirk­li­chen Täter fin­den. Das heißt, du gehst zu hun­dert Prozent davon aus, dass der Schuldige nicht im Asylantenheim zu fin­den ist!«

Die klei­ne Türkin strahl­te Val an und nick­te.

 

Hauptkommissar Siegfried Adam zog eine Augenbraue hoch. Seine Kollegin mus­ter­te ihn von der Seite.

»Ich find’s auch nicht toll«, raun­te sie ihm zu. »Wir hat­ten halt Pech! Hätten wir nur etwas pünkt­li­cher den Stift fal­len­ge­las­sen…«

Adam seufz­te laut­los. Wenn es nur das wäre! Natürlich war es ärger­lich, kurz vor Dienstende noch aus­rü­cken zu müs­sen. Aber viel mehr beschäf­tig­te ihn das Opfer, das halb­nackt in den Büschen vor ihnen lag. Aminata-Marie Neubauer war eine gute Polizistin. Sie konn­te per­sön­li­che Gefühle aus­blen­den. Das gelang ihm nor­ma­ler­wei­se auch. Nur bei Kindern hat­te er ein Problem. Vielleicht lag es dar­an, dass er eine neun­jäh­ri­ge Tochter hat­te. Und der tote Junge, der dort wie Abfall ent­sorgt wor­den war, war höchs­tens zehn, maxi­mal zwölf Jahre alt.

Adam räus­per­te sich. Er wen­de­te sei­ne Augen vom Fundort ab und betrach­te­te die Umgebung. Ein klei­ner grü­ner Seitenstreifen, eine Oase im Häuserdschungel. Etwas abseits vom Weg und ein gutes Stück von der Straße ent­fernt. Zwei Personen näher­ten sich jetzt vom Parkplatz. Die eine war Mac Allistair, der Rechtsmediziner. Die zwei­te war der neue for­sche Staatsanwalt. In Adams Augen nicht mehr als ein Küken. Er war genau­so harm­los, riss aber den Schnabel auch genau­so­weit auf. Das Küken trug einen rich­tig schi­cken Anzug. Adams Augen wan­der­ten zu den Schuhen. Grauenhaft! Spitz und modisch, kei­ne Klasse.

»N‘Abend«, sag­te das Küken.

Fernando Mac Allistair, der all­ge­mein nur Mac genannt wur­de, ging wort­los an Adam vor­bei zum Fundort. Er trug schon wei­ßen Vlies, offen­bar hat­te er bereits am Parkplatz die Schutzkleidung über­ge­zo­gen. Nur die Überzieher für die Schuhe bau­mel­ten noch in sei­ner Hand.

Adam knurr­te eine Erwiderung und sah Mac hin­ter­her. Er schiel­te auf sei­ne Armbanduhr. Was konn­te er in den nächs­ten paar Minuten noch aus­rich­ten? Das Gelände wur­de abge­rie­gelt, Flatterbänder gespannt und zwi­schen­durch Posten auf­ge­stellt. Das blaue Einsatzlicht der Streifenwagen zuck­te über die Szenerie. Uniformierte Kollegen stan­den bei dem Notarztwagen, vor dem ein Mann auf einer Art Campingstuhl saß. Man hat­te ihm eine Decke um die Schultern gelegt. Selbst auf die Entfernung war sei­ne geis­ter­haf­te Blässe zu erken­nen. Adam gab sich einen Ruck. Er igno­rier­te das Küken, gab Neubauer ein Zeichen, ihm zu fol­gen und steu­er­te auf den angeb­li­chen Zeugen zu. Aus den Augenwinkeln sah er, wie der Staatsanwalt den Mund öff­ne­te.

»Guten Abend! Adam, Kriminalhauptkommissar. Sie haben das Opfer gefun­den?«

Er war mit sei­ner Kollegin bei dem blas­sen Mann ein­ge­trof­fen. Der Mann trug eine graue Jogginghose und Basketballschuhe. Ansonsten wirk­te er wenig sport­lich. Unter der Decke war ein fle­cki­ges Rippenunterhemd zu erken­nen, das sich über einem beacht­li­chen Bauch spann­te. Ein Blick reich­te, und Adam war über­zeugt, dass der Zeuge in den Hochhäusern an der Peripherie des Stadtteils zu Hause war. Der Mann blick­te mit gla­si­gen Augen zu ihm auf. Neubauer leg­te eine Hand auf Adams Arm. Es war unge­wöhn­lich, dass sie so per­sön­lich wur­de. Adam run­zel­te die Stirn und mus­ter­te sie, bevor er sich end­gül­tig dem Mann zuwand­te.

»Fühlen Sie sich in der Lage, mir eini­ge Fragen zu beant­wor­ten?«

Das Gesicht des Mannes war ver­quol­len. Er schien geweint zu haben. Mehrmals muss­te er Anlauf neh­men, bevor sei­ne Stimme ihm gehorch­te. Während Adam über­leg­te, was die Kommissarin ihm zu ver­ste­hen geben woll­te, hat­te der Mann sich so weit gefasst, dass er zusam­men­hän­gen­de Sätze her­vor­brin­gen konn­te.

»Ich war aufm Weg nach Hause. Von der Kneipe ne Abkürzung, wenn ich hier lang­ge­he. Ich konnt doch nich wis­sen…« Seine Stimme ver­sag­te.

Adam mus­ter­te ihn. Es war wie ein Erwachen, denn plötz­lich erkann­te er das gan­ze erbärm­li­che Elend, das den Mann, wie einen umge­kehr­ten Heiligenschein umgab. Arbeitslos, Alkoholiker, kei­ne Perspektive. Wahrscheinlich betrun­ken und nur durch den gräss­li­chen Fund plötz­lich und uner­war­tet schock­ge­nüch­tert. Adam nick­te Neubauer zu. Keine Angst, sag­te sein Blick, ich zie­he mei­ne Samthandschuhe an!

»Rauchen Sie?«

Der Mann zog sei­ne Stirn in Falten. Dann hell­te sein Gesicht sich auf.

»Schon«, sag­te er. »Wenn Sie ne Kippe für mich hät­ten…«

»He, Mac, lässt Du mal ne Zigarette für den Mann hier rüber­wach­sen?«

Mac Allistair rich­te­te sich nicht auf, er griff nur wort­los in sei­nen wei­ßen Vliesanzug und hol­te eine Zigarettenschachtel dar­un­ter her­vor. Mit einem Arm hielt er sie hoch. Adam ließ sei­nen Blick von Neubauer Richtung Zigarettenpackung wan­dern. Seufzend setz­te sie sich in Bewegung.

»Also – kön­nen Sie uns schil­dern, was Sie heu­te Abend gese­hen haben?«

Der Mann zog gie­rig an der Zigarette.

»Wie gesagt, ich hab die Abkürzung genom­men. Ich geh hier also lang, da hör ich im Gebüsch son Geräusch, so ne Art Stöhn‘n. Das hör­te nich auf, das wur­de immer lau­ter. Also bin ich hin, um nach­zu­sehn.« Er schüt­tel­te sich und saug­te wie­der an sei­ner Zigarette, wie ein Ertrinkender.

»Das krieg ich nie wie­der ausm Kopp! Ich seh dat Kind da lie­gn und plötz­lich is alles still. Kein Geräusch mehr. Kein stöhn‘n, nix. Alles tot!« Er ließ die Kippe fal­len und trat sie aus.

»Ey Mann, mei­ne Freundin hat ein Kind, das is viel­leicht genau­so alt. Der Gedanke macht mich fet­tich!«

Adam konn­te nicht anders, er muss­te an Louisa den­ken.

»Haben Sie jeman­den in der Nähe gese­hen?«, frag­te er, wäh­rend er inner­lich fluch­te und ver­such­te, sei­ne Tochter aus sei­nen Gedanken zu ver­ban­nen.

»Kann ich nich sagen. Dieser Junge, die­ses Stöhn‘n, ich weiß nich mehr, was um mich rum los war!«

»Haben Sie den Fundort äh, ver­än­dert? Ich mei­ne, haben Sie das Kind ange­fasst?«

Der Mann starr­te ihn ver­wun­dert an.

»Ich bin hin. Ich hab mich aufn Boden gekniet, trotz mei­ne kaput­ten Knie! Ich hab das Kerlchen hoch­ge­nom­men. Aber det war zu spät. Der hat sich nich mehr gerührt!«

Er sah an Adam vor­bei auf den Fundort und schloss die Augen. Als er sie wie­der öff­ne­te, schien er Aminata Neubauer zum ers­ten Mal bewusst wahr­zu­neh­men. Sein Gesicht ver­fins­ter­te sich.

»Vielleicht hab ich doch was gesehn! Ich glaub, als ich das Stöhn‘n gehört hab, als ich noch nich wuss­te, was da im Gebüsch liegt, da hab ich jemand wegrenn‘n sehn!« Sein Blick blieb an der Kommissarin hän­gen.

»Konnten Sie etwas erken­nen? Wie sah die Person aus? Was hat­te sie an?«

»Ich glaub sie sah aus wie die da!« Er zeig­te auf Neubauer. Adam run­zel­te die Stirn.

»Wie mei­ne Kollegin? Was mei­nen Sie damit? Handelte es sich um eine Frau?«

»Ne, wohl eher ein Typ. Aber der Kerl war schwarz!« In die Augen des Mannes trat ein bös­ar­ti­ges Funkeln.

»Wir hams ja immer gewusst, dass das nich gut geht! Dahinten hockt die gan­ze Mischpoke, die wolln sich unser sau­er ver­dien­tes Geld untern Nagel reißn!«

Auf sei­nen Ausbruch folg­te ein Moment der Stille.

»Er meint wahr­schein­lich die Asylantenunterkunft, die hier in der Nähe ist!«, sag­te Neubauer lei­se zu Adam.

Adam nick­te. »Sie sag­ten, die Person sei weg­ge­rannt. Was mach­te das für einen Eindruck auf Sie. Sie hat­ten das Opfer ja noch nicht gefun­den. Hatten Sie das Gefühl, der­je­ni­ge war bei etwas gestört wor­den und woll­te sich aus dem Staub machen? Oder war es eher so, dass er aus Angst weg­lief, wur­de er viel­leicht selbst ver­folgt?«

Adam zwang sich zu einem neu­tra­len Gesichtsausdruck. Er ging nicht mehr davon aus, eine hilf­rei­che Antwort zu bekom­men. Zeugen wie der Mann vor ihm, neig­ten dazu, ihre Gesinnung mit ihren Beobachtungen zu ver­mi­schen. Sofern der Mann über­haupt etwas gese­hen hat­te, wür­de er sich solan­ge ein­re­den, dass es sei­ne Vorurteile bestä­tig­te, bis er selbst davon über­zeugt war. Aber trotz­dem durf­te man sei­ne Aussage nicht ein­fach abtun.

»Fällt Ihnen sonst noch etwas ein? Zu der Person, die weg­ge­rannt ist, oder zu dem Jungen, den Sie gefun­den haben?«

»Ne. Oder doch. Der hat­te son schwar­zes Teil an, mit ner Kapuze dran. Mehr weiß ich nich, da hat­te ich näm­lich ins Gebüsch gesehn. Da wur­de mir scheiß­übel!«

»Vielen Dank für Ihre Aussage. Nati, wir gehen rüber zu Mac. Unser Zeuge befin­det sich ja in guten Händen!«

Er deu­te­te auf die Sanitäter, die in der Nähe war­te­ten. Sie nick­te wort­los. Dass sie nicht auf ihren Spitznamen reagier­te, zeig­te Adam, wie betrof­fen sie von der Art des Mannes war. Normalerweise hät­te sie unwei­ger­lich mit einem Sigi gekon­tert. Der über­aus ver­hass­ten Kurzform sei­nes unge­lieb­ten Vornamens. Die Personalien des Mannes hat­ten die uni­for­mier­ten Kollegen auf­ge­nom­men, und so lie­ßen Adam und Neubauer ihn ohne ein wei­te­res Wort zurück.

Sie öff­ne­te gera­de den Mund, um etwas zu Adam zu sagen, da rausch­te das Küken her­an. Staatsanwalt Dr. Mauritz Tell. Ihr blie­ben die Worte im Halse ste­cken. Adam sah von ihr zu Dr. Tell und hob eine Augenbraue.

»Können wir Ihnen hel­fen?«

»Ob Sie mir hel­fen kön­nen?«, Mauritz Tell schnaub­te.

»Wie Sie viel­leicht wis­sen, bin ich der zustän­di­ge Staatsanwalt! Bevor Sie wei­te­re eigen­mäch­ti­ge Handlungen vor­neh­men, hät­te ich gern eine Berichterstattung über den aktu­el­len Sachverhalt!«

Adam und Neubauer war­fen sich einen Blick zu.

»Lückenlos!«, füg­te der Staatsanwalt in dem Moment hin­zu.

Adam erin­ner­te sich wie­der an den ein­zi­gen Grund, der ihm eine Beförderung schmack­haft machen könn­te – je höher die Position, des­to weni­ger abhän­gig von Wichtigtuern. Andererseits – viel­leicht müss­te er dafür zu oft Golfschläger mit Arschlöchern schwin­gen. Politik war nicht sein Ding. Er seufz­te über­trie­ben.

»Der Zeuge sagt aus, er hät­te jeman­den ver­schwin­den sehen. Kurz bevor er den Fundort gründ­lich kon­ta­mi­niert hat.«

»Das kann man ihm wohl kaum vor­wer­fen«, fauch­te Tell. »Aber zur Sache, konn­te er Angaben über die flüch­ten­de Person machen?«

Adam zuck­te die Schultern.

»Angeblich ein dun­kel­häu­ti­ger Mann in einem schwar­zen Kapuzenpullover.«

Der Staatsanwalt schien nach­zu­den­ken.

»Hm«, sein Blick blieb an Neubauer hän­gen. »Sie wis­sen, dass hier gleich um die Ecke ein Erstaufnahmelager ist?«

»Das haben wir tat­säch­lich schon her­aus­ge­fun­den…« Adam sah ihn spöt­tisch an. »Möchten Sie etwas andeu­ten?«

»Ich möch­te über­haupt nichts andeu­ten!«, don­ner­te Tell, »ich ver­lan­ge nur, dass Sie gründ­lich und vor allem sen­si­bel vor­ge­hen!«

»Gründlich und sen­si­bel – ver­stan­den! Wird erle­digt, Doktor Tell!«

Der Staatsanwalt hol­te tief Luft. Aber dann dreh­te er sich nur um und ging zu sei­nem Wagen.

Adam grins­te. »Du hast es gehört: Wir ver­su­chen es jetzt aus­nahms­wei­se mal mit gründ­lich und sen­si­bel!« Aber im nächs­ten Moment wur­de er ernst.

»Wir fah­ren in das Asylantenheim. Mal sehen, was wir da in Erfahrung brin­gen!«

Sie hat­ten immer­hin eine ers­te Spur, der woll­te er fol­gen, solan­ge sie warm war. Neubauers Blick drück­te Zustimmung aus.

 

Sie stan­den in einem Container direkt am Eingang der Unterkunft. Hier fan­den die Einlasskontrollen der Security-Firma statt. Die Metallschranken waren her­un­ter­ge­las­sen. Zwei Männer vom Wachdienst kon­trol­lier­ten akri­bisch ihre Ausweise. Es hat­te in letz­ter Zeit Übergriffe besorg­ter Nachbarn gege­ben. Kein Spaß für Menschen mit dunk­le­rer Hautfarbe. Sie waren ange­grif­fen und bespuckt wor­den und eine klei­ne Meute hat­te ver­sucht, sich Zutritt zur Unterkunft zu ver­schaf­fen. Außerdem kur­sier­ten Gerüchte über einen Anschlag, bei dem Unbekannte den Zaun eines Flüchtlingsheims teil­wei­se erfolg­reich unter Strom gesetzt hat­ten. Die Kontrollen waren ent­spre­chend ver­schärft wor­den. Adam und Neubauer erhiel­ten Besucherausweise, um sich nicht stän­dig legi­ti­mie­ren zu müs­sen.

Die Kommissarin stapf­te hin­ter Adam her.

»Aminata…?«

»Alles klar, Chef!«

»Dann ist ja gut! Es gibt viel zu tun! Und unser Feierabend rückt gera­de in unend­li­che Weiten…«

»Als wenn das etwas Neues wäre…«, sie pfiff die Melodie von Raumschiff Enterprise.

Adam ging auf den Container mit dem Schild: Sozialstation zu. Drinnen sahen ihnen zwei Augenpaare hin­ter und eins vor dem Tresen ent­ge­gen. Adam nahm nach­ein­an­der jeden ein­zel­nen ins Visier. Schließlich blieb sein Blick an der Person vor dem Tresen hän­gen.

»Haben Sie hier etwas zu suchen? Sonst muss ich Sie bit­ten, zu gehen. Hier fin­det eine poli­zei­li­che Ermittlung statt!«

Einer der Männer hin­ter dem Tresen räus­per­te sich. Er sag­te etwas zu dem dun­kel­häu­ti­gen Mann vor sich, das in Adams Ohren wie Arabisch klang. Der jun­ge Mann fuhr zusam­men und dräng­te sich blitz­schnell an Adam vor­bei zur Tür. Mit gesenk­tem Kopf warf er noch einen schnel­len Blick auf die Polizisten, bevor er ver­schwand. Adam run­zel­te die Stirn.

»Was war das jetzt? Was haben Sie ihm erzählt?«

Der Angestellte, der offen­sicht­lich selbst nah­öst­li­che Wurzeln hat­te, lächel­te ent­waff­nend.

»Ich habe nur über­setzt, was Sie gesagt haben!« Er rich­te­te sei­nen Blick auf Neubauer. »Im Allgemeinen reicht hier die Erwähnung der Polizei. Für die meis­ten Bewohner sind posi­ti­ve Erfahrungen mit Gesetzeshütern die Ausnahme… Zumindest in ihrem bis­he­ri­gen Leben und in ihrem eige­nen Land. Und die­ser jun­ge Mann ist noch nicht lan­ge bei uns.«

Sein Blick wan­der­te zurück zu Adam. Inzwischen war sein Kollege auf­ge­stan­den und hat­te sich neben ihn gestellt. Er nick­te bekräf­ti­gend.

»Wie wol­len Sie eigent­lich vor­ge­hen? Wir haben hier zir­ka 60 Männer, 40 Frauen und an die 50 Kinder. Die fal­len ja wohl raus, und die Frauen auch, wenn ich rich­tig ver­stan­den habe… Aber wie wol­len Sie allein die­se 60 Männer befra­gen?«

Wie sich her­aus­stell­te, war die Belegschaft über den Grund ihres Erscheinens infor­miert wor­den. Der Empfang hat­te kei­ne Zeit ver­lo­ren.

»Schön, dass Sie schon wis­sen wor­um es geht! Den Rest über­las­sen Sie bes­ser uns.« Adams Gesicht war unbe­wegt. Neubauer sah ihn an und räus­per­te sich.

»Mein Chef meint, auch Frauen oder Kinder könn­ten etwas beob­ach­tet haben!«

»Danke, Nati! Also die Alibis der Männer! Wer hat eins, wer nicht. Dann Frauen und Kinder, sie haben mei­ne Kollegin gehört: Wer könn­te etwas gese­hen haben? Das alles so schnell wie mög­lich, bevor sie Zeit haben, sich abzu­spre­chen.« Adam zöger­te, dann schloss er an: »Sofern der Täter über­haupt von hier kommt!«

»Ah, dann doch! The bene­fit of the doubt!« Die Betreuer war­fen sich einen viel­sa­gen­den Blick zu.

»Vielen Dank, dass Sie immer­hin Raum für Zweifel las­sen!«

Der Blonde füg­te hin­zu: »Wenn Sie näm­lich auf die besorg­ten Anwohner aus der Umgebung hören wür­den, wäre hier jeder männ­li­che Bewohner ver­däch­tig! Und die, die in die­sem Fall aus­nahms­wei­se nicht schul­dig wären, wären es garan­tiert beim nächs­ten Mal!«

Sein Kollege grins­te. »Und sonst halt die Kanaken-Betreuer, beson­ders, die, die selbst wel­che sind!«

»Aha. Danke für die Aufklärung. Wo kön­nen wir poten­ti­el­le Zeugen befra­gen?« Er trom­mel­te mit den Fingern auf den Tresen. »Wir möch­ten ungern Menschen aus dem Schlaf rei­ßen und mit aufs Revier neh­men müs­sen…«

Die Stimmung im Raum kühl­te merk­lich ab. Neubauer seufz­te. Sie setz­te ihr Sonntagslächeln auf und sag­te: »Das haben wir natür­lich nicht vor! Aber wir brau­chen einen Raum. Wir müs­sen her­aus­fin­den, wer zu einer bestimm­ten Zeit auf sei­nem Zimmer war. So schnell wie mög­lich, bevor die besorg­ten Nachbarn aktiv wer­den!«

Sie warf einen Seitenblick auf Adam.

Adam igno­rier­te ihren Blick. Er wuss­te, dass der Betreuer recht hat­te. Die Befragung wür­de ein Problem wer­den. Von dem Sprachproblem ganz zu schwei­gen. Er seufz­te. Seine Augen wan­der­ten über die Wände des Containers. Ein Fahrplan der U- und S‑Bahnen. Busverbindungen. Eine Deutschlandkarte. Zwei Poster mit der Überschrift: Toleranz. Auf dem einen zwei Frauen, die sich umarm­ten, auf dem ande­ren zwei Männer, die sich küss­ten. Adam ver­tief­te sich in eine Liste von Kursen und Aktivitäten, geglie­dert nach Wochentagen und Veranstaltungs-Containern. Die Stimme des dun­kel­häu­ti­gen Betreuers hol­te ihn zurück.

»Die Kantine… Da könn­te es gehen! Das Essen ist durch. Ich zei­ge Ihnen, wo das ist.«

Adam nick­te. »Gut, wor­auf war­ten wir?«

 

Zwei Stunden spä­ter waren sie kaum wei­ter­ge­kom­men. Sie hat­ten in vie­le ent­setzt auf­ge­ris­se­ne Augenpaare geblickt. Die meis­ten Bewohner waren ein­fach müde gewe­sen und hat­ten wenig ver­stan­den. Die Verständigung war pro­ble­ma­tisch, sie kamen schnell an ihre Grenzen. Arabisch konn­te der Betreuer dol­met­schen – aber Somali und ein hal­bes Dutzend ande­rer Sprachen blie­ben unüber­setzt.

Aminata streck­te sich und schob die Schultern zurück. Ein jun­ger Mann aus Afghanistan ver­schwand hin­ter der Tür. Adam folg­te ihm mit den Augen. Er seufz­te und rich­te­te sei­nen Blick auf Hassan, ihren Übersetzer. »Ich habe nicht das Gefühl, dass es irgend­wie vor­an­geht!«

Auch Hassan seufz­te. »Was erwar­ten Sie? Die meis­ten ver­ste­hen nicht ein­mal annä­hernd, wor­um es geht. Diejenigen, die etwas ahnen, haben Angst vor Schwierigkeiten mit den deut­schen Behörden. Dieses Schreckgespenst beherrscht ihre Gedanken – es löst einen sofor­ti­gen Fluchtimpuls aus. Sie möch­ten sich am liebs­ten in irgend­ei­nem Loch ver­krie­chen!«

Adam war müde. Seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt, und es schien kei­ne Änderung die­ses Zustands in Sicht zu sein. Er run­zel­te die Stirn.

»Das bringt uns nichts. Wir machen mor­gen wei­ter!«

Endlich zu einem Schluss gekom­men, ging es ihm gleich bes­ser.

»Können Sie uns garan­tie­ren, dass hier nie­mand über Nacht ver­schwin­det?«

Hassan sah unwill­kür­lich hin­über zu dem schul­ter­ho­hen Zaun. Er zuck­te mit den Schultern.

»Solange da kei­ner drü­ber­klet­tert…« Seine Augen wan­der­ten zu den Männern des Security Personals. Sie patrouil­lier­ten über das gesam­te Gelände.

»Keine Chance, wür­de ich sagen!«

»Achten sie beson­ders auf die­je­ni­gen Männer, die nicht nach­wei­sen konn­ten, wo sie sich auf­ge­hal­ten haben! Zehn…« Hassan sah ihn ver­ständ­nis­los an.

»Was ist mit Zen

»Nicht Zen! Es waren zehn Männer! Ich wer­de sie mor­gen­früh befra­gen. Sorgen Sie nur für Dolmetscher!«

Der Rückweg zum Eingang führ­te zwi­schen drei­stö­cki­gen Containern hin­durch. Auf den ange­schraub­ten Außentreppen aus Lochblech kau­er­ten ver­ein­zelt Menschen und sahen ihnen hin­ter­her. Das Licht der Scheinwerfer, die auf dün­nen Masten hoch über ihnen rag­ten, war weiß­lich, aber schwach. Lange Schatten eil­ten ihnen vor­aus. Die Stimmung war selt­sam, nachts ver­stärk­te sich der Eindruck eines Lagers oder Gefängnisses. Der hohe grü­ne Metallzaun trug sei­nen Teil dazu bei. Adam frag­te sich, ob er eher Menschen drin­nen oder drau­ßen hal­ten soll­te.

Ein Spielplatz. Zwei gro­ße Autoreifen hin­gen über der Sandkiste an einem Gerüst. Sie schau­kel­ten leicht im Wind. Als wären dort eben Kinder her­un­ter­ge­sprun­gen. Vor ihnen war der Security-Container zu sehen. Adam hat­te das Gefühl, sie wür­den beob­ach­tet. Nicht nur von ent­fern­ten Silhouetten hin­ter Treppengeländern, er glaub­te einen flüch­ti­gen Schatten gese­hen zu haben, der ihnen seit ihrem Abzug aus dem Küchencontainer folg­te. Er ver­lang­sam­te sei­ne Schritte und sah sich unauf­fäl­lig um. Nichts zu sehen. Aber das Gefühl blieb.

»Spürst du das auch?«, Neubauer flüs­ter­te. Sie hat­te sich sei­nem Tempo ange­passt und hielt sich dicht neben ihm.

»Alles was ich gera­de spü­re, ist blei­er­ne Müdigkeit – und Lust auf ein Kaltgetränk!« Er grins­te auf sie her­ab.

Sie fun­kel­te zurück. »Sigi, ver­arsch mich nicht. Ich weiß, dass Du es auch bemerkt hast!«

»Aha. Vielleicht hast du recht. Nati die Weise…« Ihr dunk­les Gesicht ver­schmolz mit der Nacht, aber der Zorn in ihren Augen war deut­lich zu erken­nen. Er seufz­te.

»Selbst wenn – wir kön­nen nichts machen! Ich hab kei­ne Fernbedienung für Flutlicht dabei. Auch kein Sonderkommando, das sich auf unse­ren Verfolger stür­zen könn­te!«

Sie hat­ten den Container am Eingangsbereich fast erreicht. Neubauer ant­wor­te­te nicht. Nur an der Art, wie sie ging, konn­te er ihre unter­drück­te Wut able­sen.

»Nati, wir kom­men mor­gen früh wie­der. Dann gehen wir der Sache auf den Grund. Ich glau­be nicht, dass wir hier jetzt noch irgend­wie wei­ter­kom­men.«

Vor der Einfahrt stan­den Polizeiwagen. Bei eini­gen kreis­te noch das Blaulicht auf dem Dach. Die Scheinwerfer hat­ten sie erfasst und Neubauers Resignation wur­de mit hoher Wattzahl aus­ge­leuch­tet. Sie tra­fen auf Hassan, den Betreuer, der für sie Arabisch gedol­metscht hat­te und end­lich Feierabend machen konn­te. Er nick­te ihnen zu und ver­schwand.

Adam sah ihm nach und bemerk­te eine gro­ße Anzahl von Zivilfahrzeugen. Wahrscheinlich besorg­te Bürger. Als wäre das nicht genug, stan­den kreuz und quer Transporter mit Werbeaufdrucken bekann­ter Nachrichten- und Privatsender, die in die­sem Moment ihre Insassen aus­spuck­ten. Grotesk über­di­men­sio­na­le Mikrofone wur­den ihm ent­ge­gen­ge­reckt.

Adam sah Neubauers besorg­ten Blick und beschloss, sich zusam­men­zu­rei­ßen. Am Ende des Lichterzirkus‘ lehn­te ein KTU Mitarbeiter an sei­nem Wagen. Adam ver­such­te Blickkontakt.

»Stimmt es, dass ein Kind getö­tet wur­de? Haben Sie einen der Flüchtlinge in Verdacht?«

»Hat die Tat einen isla­mis­ti­schen Hintergrund? Sind wei­te­re Kinder gefähr­det?«

»Haben die Anwohner Grund zur Beunruhigung? Ist das Asylantenheim eine Bedrohung für ihre Familien?«

»Wollen die uns ein­schüch­tern?«

»Warum reagiert der Staat nicht? Müssen wir erst völ­lig hilf­los sein?«

»Warum kön­nen die hier machen…«

Adam reich­te es. »Lassen Sie uns bit­te durch, damit wir unse­re Arbeit erle­di­gen kön­nen!«

Das Stimmengewirr wur­de ohren­be­täu­bend. Neubauer zog an sei­nem Jackenärmel. Ihr schwan­te nichts Gutes. Da brüll­te ihr Chef schon: »Verdammt noch­mal, die Show ist vor­bei! Geht nach Hause Leute!«

Sie wies mit dem Kopf zur Seite. Dort schien eine Öffnung in der Gruppe auf­ge­reg­ter und zuneh­mend aggres­si­ver Gesichter zu sein.

Adam stapf­te mit Neubauer im Schlepptau auf die Lücke zu. Auf dem Weg schlug er Mikrofone zur Seite und hät­te sich bei­na­he geprü­gelt, aber sie zerr­te ihn wei­ter durch die Menge. Im Laufschritt lie­ßen sie die Ansammlung hin­ter sich. Der KTU Mitarbeiter öff­ne­te ohne ein Wort die Beifahrertür. Neubauer rutsch­te nach hin­ten, Adam ließ sich auf den Beifahrersitz fal­len.

»Uff, gera­de noch!« Sie schüt­tel­te sich. »Wie die Hyänen!«

»Wenn die eine Story wit­tern, sind sie erbar­mungs­los!«, der Kollege von der KTU zuck­te die Schultern.

»So läuft das nun Mal…«

»Dazu noch die besorg­ten Anwohner«, mur­mel­te sie.

Adam hob eine Augenbraue. Er kann­te den Kollegen, zumin­dest vom Sehen. Es sprach für ihn, dass er auf sie gewar­tet hat­te. Vielleicht soll­te er sich bei ihm bedan­ken. Adam räus­per­te sich.

»Vielen Dank für Ihre Mithilfe!«

Der Mann knurr­te noch sei­ne Erwiderung, als Adam schon wei­ter­sprach: »Wie sieht es mit Spuren am Fundort aus? Habt ihr was für uns?«

Der Mann ant­wor­te­te nicht, er starr­te ner­vös durch die Windschutzscheibe. Draußen dreh­ten sich Gesichter zu ihnen um. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Reporter und Anwohner sich auf den Weg machen wür­den.

»Ich hof­fe, Sie haben nichts dage­gen, die­sen beschau­li­chen Flecken zu ver­las­sen? Wo steht ihr Wagen? Soll ich Sie hin­brin­gen, oder holen Sie ihn mor­gen?«

Adam schüt­tel­te ener­gisch den Kopf. Seinen Wagen, mor­gen? Auf kei­nen Fall! Wortlos wies er den Weg. Als Adams Mustang Shelby in Sicht kam, pfiff sein Kollege aner­ken­nend durch die Zähne. »Hatte ich fast ver­ges­sen! Klar! Kommissar Adam mit dem Mustang!«

Auf dem Rücksitz ver­dreh­te Neubauer die Augen. Männer! Aber sie wuss­te natür­lich, war­um der Wagen heu­te auf kei­nen Fall irgend­wo ste­hen blei­ben konn­te.

»Können wir zurück auf den Punkt kom­men? Welche Ergebnisse hat die Spusi aus dem Hut gezau­bert?«

Die Männer war­fen sich einen Blick zu. Frauen!

Während die Innenbeleuchtung stu­fen­wei­se erlosch, erfuh­ren Adam und Neubauer, dass die Voruntersuchungen ihre Vermutungen bestä­tig­ten. Das Kind war miss­braucht wor­den. Dass der Fundort auch Stätte des Missbrauchs war, ließ sich zu neun­zig Prozent aus­schlie­ßen. Der Tod war unmit­tel­bar vor dem Auffinden ein­ge­tre­ten. Warum der Täter das Kind nicht vor­her getö­tet hat­te, war unklar. Möglicherweise hat­te er sein Opfer wäh­rend der Tat ledig­lich am Schreien hin­dern und sich sei­ner dann ent­le­di­gen wol­len und erst am Ablegeort die poten­ti­el­le Gefahr eines Augenzeugen erkannt.

Sie saßen einen Moment lang schwei­gend im Dunkeln. Dann räus­per­ten Adam und Neubauer sich bei­na­he gleich­zei­tig und schäl­ten sich aus ihren Sitzen.

Adam fum­mel­te den Schlüssel des Mustangs ins Schloss. Kaum hat­te er die Tür geöff­net, hoben sich auf dem Beifahrersitz zwei Augenschlitze aus einem klei­nen Berg aus Fell. Kurz dar­auf war ein win­zi­ger Kopf zu erken­nen, vier Pfoten, das Bündel streck­te sich und gähn­te aus­gie­big. Adam beug­te sich hin­über und zog den Entriegelungsknopf. Dann hob er den Hund hoch, und war­te­te bis Neubauer sich gesetzt hat­te. Nachdem sie ihm das Tier abge­nom­men hat­te, ver­grub sie ihr Gesicht in dem wei­chen Fell.

»Diese jun­ge Dame ist ein­fach unwi­der­steh­lich!«

»Sie geht heu­te noch zurück an den Absender…«

»Schade eigent­lich. Mit ihr hät­ten wir mor­gen viel­leicht einen Sympathiebonus bei den Befragungen.«

Adam star­te­te den Motor.

»Hm. Meinst Du? Ist Hund nicht bei Arabern ein schlim­me­res Schimpfwort als Schwein?«

»Kann schon sein. Aber hey, wir spre­chen hier von Chica!«

Sie sah Adam an. Er seufz­te. Frauen hat­ten immer die­sen beseel­ten Blick, wenn es um den Hund ging. Außer Sophia natür­lich. Andererseits. Jetzt über­leg­te er tat­säch­lich ernst­haft, ob sie Recht haben könn­te. Er setz­te sei­ne Kollegin trotz Umweg in Barmbek ab und fuhr wei­ter nach Altona.

Chica, der Norfolk Terrier sei­ner Tochter, wur­de ihm immer dann von sei­ner Exfrau aufs Auge gedrückt, wenn ihr gemein­sa­mes Kind ohne Hund ver­rei­sen muss­te. Nicht, dass er etwas dage­gen gehabt hät­te, auf das Tier auf­zu­pas­sen. Jedenfalls hat­te sich auch nach einer alko­ho­li­sier­ten gemein­sa­men Nacht nichts an die­sem Arrangement geän­dert. Sie hat­ten jene Nacht in einer Mischung aus Sentimentalität und Trotz mit­ein­an­der ver­bracht und seit­dem kein Wort mehr dar­über ver­lo­ren. Seine Ex leb­te in Trennung von wie­der­um ihrem Ex. Irgendwie amü­sant. Hätte der Typ ihr nicht ab und zu eine geknallt. Und sei­ne Tochter die Ohrfeigen nicht mit­be­kom­men. Adam knirsch­te mit den Zähnen. Seine Tochter, die eigent­lich die Tochter die­ses Arschlochs war. Aber das wuss­te zum Glück nur er allein. Das war gut so und soll­te auch so blei­ben. Aber die­se Nacht… Er wuss­te nicht mal genau, was pas­siert war, ob etwas pas­siert war! Sie hat­ten bei­de zu viel getrun­ken. Er fuhr in die Garage. Nun war es sowie­so zu spät. Er wür­de den Hund mor­gen, wenn die Befragung been­det war, nach Volksdorf brin­gen. Seine Tochter kam mor­gen Mittag von ihrer Klassenreise zurück. Bis zum frü­hen Abend wür­de sie Chicas Abwesenheit ver­schmer­zen kön­nen.

Adam stöhn­te, als ihn durch nach­läs­sig vor­ge­zo­ge­ne Gardinen ein Sonnenstrahl traf. Kaum war er halb­wegs wach, nahm das Gedankenkarussell wie­der Fahrt auf: Seine Tochter Louisa, sei­ne Exfrau Sophia und ihr neu­er Exmann, der sie geschla­gen hat­te. Und die Nacht mit ihr…

Verdammt! Schlafen war gera­de gestor­ben. Adam rich­te­te sich auf. Er warf die Bettdecke zurück und schlurf­te in die Küche. Als ers­tes stell­te er die Cappuccinomaschine an. Dann füll­te er Hundefutter in den Napf. Während der Kaffee durch­lief beob­ach­te­te er den Hund beim Fressen. Mit einem damp­fen­den Becher in der Hand lehn­te er sich wenig spä­ter ans Kopfkissen. Chica him­mel­te ihn vom Fußende aus an.

Abwesend trank er den Kaffee. Im Moment kam er mit sei­nen pri­va­ten Problemen nicht wei­ter. Schließlich ver­bann­te er die Gedanken an Exfrau und Tochter aus sei­nem Kopf.

Der Mord an einem Kind. Das nahm ihn mit. Ob er woll­te oder nicht. Wie soll­te er vor­ge­hen? Was hat­ten sie bis jetzt? Was war sicher, was Spekulation? Das öffent­li­che Interesse und die Sensibilität die­ses Falles irri­tier­ten ihn. Das waren Faktoren, die sei­ne Arbeit behin­der­ten. Es war nicht leicht, objek­tiv vor­zu­ge­hen, wenn man sich dabei durch einen Sumpf aus Vermutungen und Vorurteilen kämp­fen muss­te.

Nicht nur die Presse, dach­te er, dazu noch über­be­sorg­te Bürger! Verdammte Idioten, die nicht ein­sa­hen, dass Menschen eben Menschen waren, egal, wo sie her­ka­men! Er leer­te den Becher. Er wür­de den Täter fin­den, Moslem oder Christ oder Atheist! Ein Blick auf die Uhr kata­pul­tier­te ihn aus dem Bett.

Adam hat­te sich in sei­nen Jogging-Anzug gequält. Er schnür­te die Schuhe und steck­te Chicas Leine in die Hosentasche. Seit kur­zem hat­te er die Freude an sei­nem mor­gend­li­chen Ritual ver­lo­ren. Er lief die glei­che Strecke wie immer, fast immer zur glei­chen Zeit, aber sie hat­te er schon seit Wochen nicht mehr getrof­fen. Es war fast so, als wür­de sie ihn mei­den. Er muss­te sich zwin­gen, sei­ne Routine auf­recht­zu­er­hal­ten. Vielleicht war er ein Feigling, aber anru­fen wür­de er sie nicht. Jedenfalls noch nicht. Noch war er nicht so weit. Sein Weg führ­te ihn hin­un­ter an die Elbe. Normalerweise lieb­te er den Blick aufs Wasser. Heute rann­te er ver­bis­sen durch den Sand. Extra neben dem Steg, so wie sie. Obwohl es unglaub­lich anstren­gend war. Der Hund sprang fröh­lich um ihn her­um. Auf dem Rückweg mach­te er den übli­chen Abstecher zu dem klei­nen Portugiesen. Auch hier war sie nicht. Mürrisch bestell­te er einen dop­pel­ten Espresso und eine por­tu­gie­si­sche Kalorienbombe. Dann frag­te er am Tresen nach Leo. Maria wich aus. Sie schien mit einem Mal sehr beschäf­tigt und er konn­te sehen, wie sie grim­mig das Gesicht ver­zog. Was war nur los? Adam zahl­te und mach­te sich lust­los über die Nata her. Nach der Hälfte schob er den Teller bei­sei­te. Ihm wur­de lang­sam kalt. Er stürz­te den rest­li­chen Kaffee hin­un­ter und lief in einem leich­ten Trab nach Hause.

Im Büro begeg­ne­te er hoch­ge­zo­ge­nen Augenbrauen und ver­zück­ten Ausrufen. Letztere haupt­säch­lich von weib­li­chen Kollegen. Andreas Guenther aus sei­nem Team kam ihm ent­ge­gen. Er warf einen Blick auf den Hund und grins­te breit.

»Ah! Der Chef hat eine neue Klobürste besorgt! Wurde auch Zeit!«

Adam ging an ihm vor­bei in sein Büro. Kai von Wendsheim und Aminata Neubauer saßen an ihren Schreibtischen. Von Wendsheim blick­te von sei­nem Computer auf. Er hat­te Guenther gehört und sag­te: »Mensch Andreas, du Vollpfosten! Das sieht doch ein Blinder, dass das kei­ne Klobürste ist! Der Chef hat­te halt noch kei­ne Zeit zum Rasieren!« Er mach­te ein nach­denk­li­ches Gesicht. »Aber war­um ziehst du den Pinsel hin­ter dir her?«

»Wirklich wit­zig! Genau das Niveau, das ich erwar­tet hat­te. Leider mal wie­der kei­ne Überraschungen!«

Er wur­de unter­bro­chen, als die Tür sich hin­ter ihm öff­ne­te. Der Alte steck­te den Kopf her­ein. Er sah den Hund und erstarr­te.

»Adam, was soll das wer­den? Wollen Sie hier einen Streichelzoo ein­rich­ten?« Kurt Walther schüt­tel­te den Kopf. »Kommen Sie bit­te alle in mein Büro. Sofort!« Er warf noch einen Blick auf Chica. »Ohne den Hund!«

Auf dem Schreibtisch von Kurt Walther lagen Ausgaben ver­schie­de­ner Boulevardzeitungen. Die Schlagzeilen spran­gen ihnen ins Auge: Hamburger Polizei bestrei­tet Schuld von Flüchtlingen! und Wer wird hier geschützt? waren noch die gemä­ßig­ten Varianten.

Walther tipp­te wort­los mit dem Zeigefinger auf die Überschriften. Adam war­te­te eini­ge Sekunden, dann sag­te er: »Wegen die­sem Mist soll­ten wir hof­fent­lich nicht unse­re Arbeit unter­bre­chen?!«

Der Alte seufz­te.

»Adam, Adam!« Während er noch an sei­ne Betablocker dach­te, brüll­te er schon los: »Doch, genau das soll­ten Sie! Weil es näm­lich wich­tig ist, wie die­se Sch… die­se Regenbogen-Presse über uns berich­tet! Sie kann uns die Arbeit erleich­tern oder erschwe­ren, die Wahl liegt bei Ihnen!« Er schüt­tel­te den Kopf. »Sein Sie doch nicht so ver­bohrt!«

Adam nick­te mit unbe­weg­tem Gesicht.

»Ok, ver­bohrt war ges­tern! Können wir jetzt wei­ter­ar­bei­ten?«

»Arbeiten? Sie schie­nen mir eher ihr Hündchen Gassi zu füh­ren!« Walther sack­te leicht in sich zusam­men. Ich darf mich nicht auf­re­gen, drück­te sei­ne Miene aus.

Adam zuck­te die Achseln.

»Psychologische Kriegsführung, wenn Sie so wol­len. Der Hund bringt uns Sympathiepunkte bei den Befragungen ein.«

Seine Augenbraue kleb­te schon wie­der knapp unter sei­nem Haaransatz.

»In Gottes Namen, dann neh­men Sie den Köter halt mit. Aber wehe, mir kom­men Beschwerden zu Ohren! Irgendwann könn­ten selbst Ihre Sympathiepunkte über­reizt sein!«

Zurück in ihrem Büro feix­te Guenther: »Unser Chef hat Sympathiepunkte! Ich kenn das von mei­ner Nichte. Das Sams. Das hat­te auch so Punkte…«

»Andreas, wenn Du nicht gleich die Klappe hältst, ver­ges­se ich mich…«

»Kai, Aminata! Habt Ihr das gehört? Unser Chef droht mir, mas­siv sogar!«

»Wenn er jeman­den braucht, um dich fest­zu­hal­ten… Aminata, bist du dabei?«

Sie nick­te. Guenther schmoll­te. Adam mus­ter­te die drei Kommissare ernst.

»Der Junge ist zwi­schen neun und elf Jahre alt. Er wur­de miss­braucht, erwürgt. Wer möch­te mit in die Rechtsmedizin?«

Schlagartig ver­stumm­ten die Kommentare.

»Andreas, bist du dabei?«

Der Angesprochene schluck­te. »Klar«, erwi­der­te er hei­ser.

Adam nick­te. »Gut, das wäre geklärt. Kai und Aminata, ihr küm­mert euch um die Hinweise von der KTU. Nach der Leichenschau kommt Aminata mit mir in das Flüchtlingslager.« Er schmun­zel­te. »Wir neh­men unse­ren Sympathiepunktebonus mit…«

 

Eva Leonora Johann stand auf dem Schiff und hielt ihr Gesicht in den Wind. Unter ihr dröhn­te der Motor und brach­te ihren Magen zum Vibrieren. Sie moch­te die­ses Gefühl. Dazu die sal­zi­ge Brise, das Kreischen der Möwen, die Schaumkronen auf den Wellen. Ein fast per­fek­ter Moment. Zur voll­stän­di­gen Perfektion fehl­te nur ein win­zi­ges Detail.

Adam streif­te ihre Gedanken aber sie warf ihn sofort hin­aus. Ihre Geschichte war been­det, bevor sie über­haupt begon­nen hat­te. Aber das Andere, der Andere, war­um? Sie ver­stand es ein­fach nicht. Woran lag es? Noch nie hat­te etwas, jemand, sie so ver­un­si­chert. Sie senk­te den Kopf und zog den Jackenkragen höher.

Vor zwei Wochen war sie dem Schotten nach Schottland gefolgt. Seitdem hat­te sie ein Wechselbad der Gefühle erlebt. Heißes Begehren und zar­tes lie­be­vol­les Erkunden einer ver­letz­ten Seele. Aber kei­ne Erfüllung. Keine Befriedigung im her­kömm­li­chen Sinne. Immer, wenn das Sehnen uner­träg­lich zu wer­den droh­te, war er abge­taucht. Auf die Jagd gegan­gen, schwim­men, fischen. Fort. Bevor sie ver­rückt wur­de, hat­te sie die Konsequenzen gezo­gen. Deshalb stand sie jetzt hier, auf dem Schiff. Sie fuhr weg von ihm, konn­te es nicht län­ger ertra­gen. Obwohl alles in ihr danach schrie, es ein wei­te­res Mal zu ver­su­chen. Sie zog die Jacke fest um sich zusam­men. Versteckte sich dar­in. Es war sinn­los. Es gab kei­ne Zukunft für sie bei­de. Salz vom Seewind ver­misch­te sich mit dem Salz aus ihren Augen. Sie wisch­te mit der Hand dar­über. So ging es nicht wei­ter. Sie muss­te nach Hause.

 

Die Pathologie. Guenther schau­der­te. Eigentlich war er ein har­ter Hund, aber hier unten brö­ckel­te sei­ne Fassade. Allein die Lage die­ser Abteilung sprach Bände – im Keller. Die Leichen wur­den im Untergeschoss auf­be­wahrt und unter­sucht. Eine Art Vorhölle. Er spür­te leich­tes Sodbrennen auf­stei­gen. Diesen Gang war er unzäh­li­ge Male ent­lang gegan­gen. Trotzdem ver­spann­ten sich sei­ne Muskeln jedes Mal aufs Neue. Seine Anspannung war so groß, dass er frös­tel­te. Und dies­mal war es auch noch ein Kind! Er senk­te den Kopf zwi­schen die Schultern und stapf­te hin­ter Adam her. Für den muss­te es noch viel schlim­mer sein. Schließlich hat­te Adam eine Tochter. Einige Sekunden lang über­leg­te Guenther ernst­haft, ob er sich vor der Leichenschau drü­cken könn­te. Aber eine gewis­se Loyalität zu Adam hin­der­te ihn dar­an. Außerdem wür­de es in Windeseile die Runde machen… Also Augen schlie­ßen und durch! Adam dreh­te sich nach ihm um. War sein Unbehagen so offen­sicht­lich? Er riss sich zusam­men.

Adam hob eine Augenbraue. Hoffentlich kipp­te Andreas nicht um. Er hat­te mit sich selbst genug zu tun, er konn­te nicht noch Babysitter für sei­nen nor­ma­ler­wei­se hart­ge­sot­te­nen Kollegen spie­len. Er seufz­te. Es gab so Momente… Manchmal wünsch­te er sich, mit gewis­sen Dingen nichts zu tun haben zu müs­sen. Er trös­te­te sich im Allgemeinen damit, dass er es war, der die Schuldigen der Gerechtigkeit zuführ­te. Wobei Schuld manch­mal ein sehr dehn­ba­rer Begriff war.

Ungeduldig leg­te er in der Herrenumkleide die vor­ge­schrie­be­ne Schutzkleidung an. Nur Kittel, Überschuhe und Haarnetz, das war Pflicht, auf den Rest ver­zich­te­te er. Guenther folg­te sei­nem Beispiel, obwohl er aus­sah, als hät­te er sich auch über Augenbinde und Nasenklammer gefreut.

Adam stieß die Tür auf. Eindeutig zu vie­le Menschen im Raum, trotz des gro­ßen Sektionsraums, in dem drei Obduktionstische Platz fan­den. Außer Mac Allistair und sei­nem Assistenten stan­den zwei wei­te­re Personen vor dem Stahltisch, auf dem das Opfer lag. Er hät­te es sich den­ken kön­nen! Dieser Fall mit sei­nen poli­ti­schen Fallstricken – klar, dass das LKA mit­mi­schen wür­de!

»Robert, Claudia… ihr seid also immer noch ver­gnü­gungs­süch­tig!«

Guenther, der wider­stre­bend hin­ter Adam den Raum betre­ten hat­te, ver­gaß für eini­ge Sekunden sein Unwohlsein. Auch er kann­te die bei­den Ermittler vom LKA. Man nick­te sich zu.

»Ist es also wie­der soweit?«, Adam rich­te­te sei­nen Blick auf Robert van Veen. Der war Leiter von einer der sechs Mordbereitschaften des LKA. Sie hat­ten in der Vergangenheit wie­der­holt zusam­men­ge­ar­bei­tet.

Der Angesprochene betrach­te­te für einen Moment den viel zu klei­nen Körper auf der stäh­ler­nen Unterlage.

»Glaube mir«, erwi­der­te er end­lich ton­los, »die­ses Mal hät­te ich gern dar­auf ver­zich­tet!«

Inzwischen kämpf­te Guenther wie­der mit sei­ner Übelkeit. Adam war­te­te inner­lich auf eine von Calabreses bis­si­gen Bemerkungen, aber sie hielt sich erstaun­li­cher­wei­se zurück. Mac Allistair räus­per­te sich.

»Wenn wir dann alle soweit wären…«

Zwischendurch sah auch Adam das eine oder ande­re Mal zur Seite. Sein Gesicht blieb unbe­wegt.

Guenthers‘ Blässe spiel­te mitt­ler­wei­le ins Grünliche. Sein Blick wan­der­te von dem Körper zu dem Beistelltisch aus Stahl. Ein Instrument sah aus wie eine Suppenkelle, ein ande­res wie ein gewöhn­li­ches Brotmesser. Guenther würg­te. Calabrese hob die Brauen. Zwei per­fek­te Bögen, wie Rabenflügel über unna­tür­lich blau­en Seen. Guenther hus­te­te und ver­such­te, sei­nen Brechreiz zu unter­drü­cken. Adam bedeu­te­te ihm mit einem Kopfnicken, vor die Tür zu gehen. Guenther gehorch­te, wütend ob sei­ner Hilflosigkeit. Er zog die Tür hin­ter sich zu, und Adam im glei­chen Augenblick hör­bar die Luft ein. Endlich! Er wand­te sich wie­der Mac zu.

»Nochmal, sor­ry, ich war abge­lenkt… Du sagst, das Opfer wur­de nicht zum ers­ten Mal ver­ge­wal­tigt?«

MacAllistair seufz­te ver­nehm­lich.

»Richtig! Kurz bevor er erwürgt wur­de, hat­te er sexu­el­len Verkehr. Analverkehr. Aufgrund des ver­narb­ten Gewebes kön­nen, müs­sen wir davon aus­ge­hen, dass es sich nicht um das ers­te Mal han­del­te.«

Verdammte Scheiße, dach­te Adam, was für ein Albtraum! Er warf einen Blick auf van Veen. Der erwi­der­te den Blick mit einem: Hab ich es nicht gesagt… Ausdruck.

»Wie sieht es mit Spuren aus?«, frag­te Claudia Calabrese. »Sperma, Fasern, Hautpartikel unter den Fingernägeln, das Übliche…«

Mac Allistair schüt­tel­te den Kopf.

»Bis jetzt nega­tiv.« Er betrach­te­te ein­ge­hend das Klemmbrett in sei­ner Hand. Als wenn er die Ergebnisse nicht aus­wen­dig wüss­te. »Wir sind natür­lich dran. Einige Untersuchungen ste­hen aus. Die müss­ten wir in den nächs­ten fünf bis sechs Stunden haben. Aber wir kön­nen mit ziem­li­cher Sicherheit davon aus­ge­hen, dass es sich nicht um ein in Deutschland auf­ge­wach­se­nes Kind han­delt!«

»Aha«, sag­te Adam wie­der ein­mal.

»Welchem Umstand ver­dan­ken wir die­se Erkenntnis?«

Mac Allistair mus­ter­te ihn mit gerun­zel­ter Stirn.

»Anhand ver­schie­de­ner Indizien gehe ich davon aus, dass der Junge aus Osteuropa stammt. Rumänien viel­leicht. Diese Hypothese basiert unter ande­rem auf dem Zustand der Zähne und der Ernährung des Opfers. Wir kön­nen das Alter mit ziem­li­cher Sicherheit auf neun Jahre fest­le­gen. Das tat­säch­li­che Wachstum stimmt aller­dings nicht mit einer alters­ty­pi­schen Entwicklung über­ein, so wie sie bei uns üblich wäre.«

Adam starr­te auf den Boden. Fast benei­de­te er Guenther um sei­nen Abgang. Aber er nahm sich zusam­men.

»Okay. Ich schla­ge eine Lagebesprechung in mei­nem Büro vor. Geplant war, dass ich mit Aminata in die Aufnahme fah­re, Bewohner befra­ge, Alibis che­cke, etce­te­ra, etce­te­ra…. Wahrscheinlich wollt ihr, oder einer von euch, dabei sein?!« Die Resignation in sei­ner Stimme ließ sich nicht ver­ber­gen. Seine Betonung von: Einer von euch, ver­an­lass­te van Veen zu einem grim­mi­gen Schmunzeln.

»Richtig! Wenn es dir recht ist, wird Brander euch beglei­ten!«

Wenn es dir recht ist, geschenkt! dach­te Adam. Ob es ihm recht war oder nicht, spiel­te in die­sem Fall kei­ne Geige mehr. Van Veen war ab sofort der Chef. Aber offen gestan­den – er freu­te sich auf Brander Amund Angerboda! Und er wuss­te auch, wer sich noch freu­en wür­de!

Adam dach­te noch an Aminata Neubauer, als er aus den Augenwinkeln sah, wie MacAllistair eine klei­ne Kreissäge über sei­nen Kopf hob. Die Polizisten konn­ten den Raum nicht schnell genug ver­las­sen. Sie hör­ten noch Macs: »Endlich kann man in Ruhe arbei­ten!«, und zogen die Tür hin­ter sich zu.

Guenther wan­der­te im Flur auf und ab und stand unver­mit­telt Calabrese gegen­über. Seine Gesichtsfarbe hat­te mitt­ler­wei­le einen gesün­de­ren Farbton ange­nom­men, aber ihr Auftauchen brach­te ihn aus der Fassung. Schließlich ver­such­te er sich an sei­nem übli­chen Grinsen. Sie mus­ter­te ihn von oben bis unten.

»Der Herr Kommissar waren wohl unpäss­lich? Wie bedau­er­lich! Zum Glück hat­te er erwach­se­ne Kollegen dabei.«

Adam kann­te Guenther, und nor­ma­ler­wei­se hät­te er in die­ser Situation kein Mitleid mit ihm gehabt. Wäre es nicht Calabrese gewe­sen.

»Apropos, Claudia…. Seit wann spielst Du wie­der mit?«

»Siegfried!«, sie lächel­te, aber ihre Augen schos­sen Blitze. »Keine Sorge! Ich bin voll im Einsatz!« Ihre Lippen form­ten laut­los das Wort: Cretino!

Van Veen räus­per­te sich. »Claudia! Adam, du sprachst von einer Lagebesprechung. Wir soll­ten kei­ne Zeit ver­lie­ren. Wir müs­sen mit den Befragungen begin­nen! Ich habe mir erlaubt, Brander auf dein Revier zu bestel­len. Er dürf­te inzwi­schen ein­ge­trof­fen sein. Also Aufbruch!«

Van Veen woll­te sich wäh­rend der Fahrt mit Adam bespre­chen und danach ins LKA Präsidium, des­halb muss­te Guenther bei Calabrese ein­stei­gen. Er riss die Tür auf, pflanz­te sich auf den Beifahrersitz und ver­fiel sofort in brü­ten­des Schweigen. Auf der gan­zen Strecke äußer­te kei­ner ein Wort, aber bei der Ankunft war die Stimmung im Wagen hoch­ex­plo­siv.

 

Angerboda war im Altonaer Revier ein­ge­trof­fen. Das LKA hat­te ihn ange­kün­digt und daher wur­de er bereits von Kriminaloberrat Walther erwar­tet. Eine Ehre, auf die er gern ver­zich­tet hät­te. Aber Angerboda war ein höf­li­cher Mensch, und so saß er auf einem viel zu klei­nen Besucherstuhl und ant­wor­te­te gedul­dig auf die Art von Banalitäten, die er eigent­lich ver­ab­scheu­te. Er warf einen unauf­fäl­li­gen Blick auf Walthers Schreibtischuhr. Wo zum Teufel blieb Adam? Außerdem wuss­te er, dass irgend­wo neben­an Aminata in einem Büro saß. Das war genau der Ort, an dem er jetzt sein woll­te. Er unter­drück­te ein Seufzen. Seine Augen wan­der­ten über Walthers Familienfotos an der Wand. Im Anschluss eine Reihe, auf der Walther mit Politik und Wirtschaft die Schultern rieb. Ein Weingut, irgend­wo in Süddeutschland, Walther mit einem Glas in dem sich die Sonne spie­gel­te – neben ihm ein bekann­ter deut­scher Politiker.