Zwischen den Kanälen von Hamburg und Venedig
spielt mein neu­es Buch

Hamburg

Venezia

Liebe Leserin, lie­ber Leser,

   die Handlung in die­sem Buch ist aus­schließ­lich mei­ner Phantasie ent­sprun­gen! So wie auch die bei­den vor­he­ri­gen Teile der Serie frei erfun­den sind…

   Dieses Mal gibt es jedoch Unterschiede:

Die Geschichte Abdel bin Rahmans, die von den Polizisten gele­sen wird, sowie die Geschichte Marco bin Kanafaris, die ich am Ende ange­fügt habe, sind Tatsachenberichte. Sie sind von den bei­den Protagonisten selbst ver­fasst worden.

 

   Ursprünglich hat­te ich vor, authen­ti­sche Lebensgeschichten in extra Kapitel auf­zu­neh­men. Zu die­sem Zweck durf­te ich mehr­mals in einer Geflüchtetenunterkunft hos­pi­tie­ren und u.a. am Deutschunterricht für Erwachsene teilnehmen.

   Ein gro­ßes Dankeschön dafür!

  Es war eine beein­dru­cken­de Erfahrung für mich. Ich habe ent­setz­li­che Dinge gehört und Menschen erlebt, die ver­su­chen, die­se Dinge hin­ter sich zu las­sen und nach vorn zu schauen.

   Eine Freundin, die als frei­wil­li­ge Unterstützerin in einer ande­ren Unterkunft hilft, durf­te mir eben­falls Auszüge aus eini­gen Lebensgeschichten erzäh­len. Allerdings unter der Auflage, dass sie nicht in einem Buch erschei­nen dürfen.

   So habe ich mich irgend­wann von mei­ner ursprüng­li­chen Idee ver­ab­schie­det. Aus Respekt vor den Menschen, die bereit waren, schreck­li­che Erlebnisse mit mir, aber eben nur mit mir, zu teilen.

   Am Ende gab es trotz­dem eine Überraschung! Zwei Menschen haben mich dar­um gebe­ten, ihre Geschichte doch zu ver­öf­fent­li­chen. Sie möch­ten nicht, dass ihr Leiden in Vergessenheit gerät.

   Ich habe die­se bei­den Berichte mit ande­ren Namen versehen.

   Alle Geflüchteten, die mir ihre Erlebnisse anver­traut haben, wer­den immer noch ver­folgt, oder haben zumin­dest Angst davor.

 

في البداية كانت نيّتي أن أُدرجَ في فصولِ كتابي قصصً من وحي الواقع ؛ قصصً حقيقةً بتفاصيلها. وفي سبيلِ هذا الغرض، سُنحت ليَّ الفرصةُ للتَدرُبِ في إحدى مساكنِ اللاجئين لعدةِ مرات. بالإضافةِ إلى القيامِ بأمورٍ آُخرى كالمشاركةِ في دروسِ اللُغةِ الألمانيةِ للبالغين

شكراً جزيلاً على تلك التجربة

لقد كانت تجربةً مدهشةً بالنسبةِ ليّ. سمعتُ أشياءً مرّوعةً، وقابلتُ أشخاصاً يحاولون تركَ هذهِ الآلام وراءهم ويتطَلعون إلى الأمام

كما أنّ إحدى صديقاتي، والتي تعملُ كمتطوعةٍ في مسكنٍ آخر للاجئين، قامت بإخباري بمقتطفاتٍ عن بعض القصصِ الحقيقةِ التي قابلتها. ولكن شرط ألا يُشارَ إليها في الكتاب أو يذكرَ أسمها

لكن وفي وقتٍ لاحقٍ عَدلتُ عن فكرني الأصلية، وذلك احتراماً للأشخاص الذين اطّلعوني على تجاربهم المُرّوعة، وأرادوا مشاركتها معيَّ فقط

وفي النّهايةِ كانت المفاجئة. طَلبَ مني شخصان نشرَ قِصَتهِما رغمَ الألم. إنهما لا يُريدان أن تُنسى معاناتُهما

لقد أطّلقتُ على أصحابِ هاتين القصتين أسماءً مستعارة

جميعُ اللاجئينَ الذينَ أفضوا ليّ بأسرارهم وتجارُبهم مازالوا يتعرضونَ للاضطهادِ والملاحقةِ، أو على الأقل لديهم تخوفٌ من ذلك

 

     Zudem ist auch die »Ayise« aus dem Buch nicht hun­dert­pro­zen­tig mei­ne Erfindung. Die Frau, die ich zum Vorbild neh­men durf­te, hat mir natür­lich ihr Einverständnis gege­ben.
     Jemand sag­te ein­mal über sie: Gäbe es sie nicht – man müss­te sie erfin­den!

 

   In Venedig haben mir vie­le Menschen unglaub­lich gehol­fen! Niemand von ihnen möch­te erwähnt werden.

   Aber hier mein Dank an euch!

Ich hof­fe, dass mein Buch irgend­wann auf Italienisch erscheint, damit ihr es lesen könnt!

   A Venezia, mol­te per­so­ne mi han­no aiuta­to incredi­bilm­en­te! Nessuno di loro vuo­le esse­re menzionato.

    Ma ecco i miei ringra­zia­men­ti a voi!

Spero che un gior­no il mio libro ven­ga pub­bli­ca­to in ita­lia­no, così che pos­sia­te leggerlo!

 

   Die beschrie­be­nen Fake-Taschenverkäufer wird man auf dem Markus-Platz ver­geb­lich suchen. Der Verkauf die­ser Handtaschen ist in Italien straf­bar. Im Übrigen auch unnö­tig, denn die Leder-Produkte aus natio­na­ler Herstellung kön­nen sich auch ohne Designer-Label sehen lassen…

 

   Der Chorauftritt der ach­ten Klassen der Max-Brauer-Schule fand tat­säch­lich am 13. Juni 2019 im Mercado in Hamburg Altona statt! Ich war zufäl­lig gera­de einkaufen.

Und ich habe wie­der ein­mal fest­ge­stellt – Musik bewegt!

 

   Einer Frau zumin­dest, kann ich hier offen mei­nen Dank aus­spre­chen – mei­ner Mörderischen Schwester Fenna Williams!

   Auf ihren wun­der­ba­ren Schreib-Retreats in Venedig habe ich mich in die Stadt verliebt!

Leseprobe

Arbeitstitel: Die ewi­ge Flucht/Tod zwi­schen Kanälen


Sie hat­te einen lan­gen Tag hin­ter sich. Das war nichts Ungewöhnliches. Doch heu­te war alles anders gewe­sen, schlim­mer.
Endlose Schichten war­fen sie nicht mehr um, auch mensch­li­ches Leid war ihr in den letz­ten Monaten erschre­ckend ver­traut gewor­den. Selbst ihre Schützlinge konn­ten sie kaum noch über­ra­schen.  Wie jeden Morgen war sie davon aus­ge­gan­gen, einen stink­nor­ma­len Arbeitstag vor sich zu haben. Doch was bedeu­te­te schon nor­mal bei dem was sie tat? Irgendetwas pas­sier­te immer. Hundertprozentig, obwohl man sich sonst auf wenig ver­las­sen konn­te. Dort, wo sie arbei­te­te, in die­sem ein­ge­zäun­ten Areal ver­lo­re­ner Hoffnungen. Im Volksmund wur­de es schlicht: Asylantenheim genannt, die behörd­lich kor­rek­te Bezeichnung lau­te­te: Erstaufnahme für asyl­su­chen­de Geflüchtete.

Begriffe, die ledig­lich Überschriften waren, für etwas, von dem die meis­ten Mitmenschen nur eine vage Vorstellung hat­ten.
Etwas Bedrohliches hat­te heu­te an die Tür geklopft. Ausgerechnet an die­sem elen­den Ort, an dem die Mehrheit ver­such­te, zu ver­ges­sen und die inne­ren und äuße­ren Wunden zu hei­len .  Sie ball­te die Fäuste. Die Ereignisse wür­den alle über­rol­len. Ein Wort fla­cker­te in mons­trö­sen Lettern hin­ter ihrer Stirn. Polizei.

In die­sem Moment bemerk­te sie zahl­rei­che Vertreter der Presse vor dem Tor. Daran hät­te sie den­ken kön­nen! Gerade berei­te­te sie sich auf eine Konfrontation vor, den Kopf gesenkt wie ein Stier vor dem Angriff, da ent­fern­ten sich die Reporter. Wie Eisenspäne an einen Magneten, streb­ten alle einem gemein­sa­men Punkt zu. Ayise schau­te ver­blüfft hin­ter­her. Auf jeden Fall ging es weg von ihr, sie fass­te sich und eil­te zum Parkplatz.

Nach einem letz­ten Blick über die Schulter kehr­ten ihre Gedanken zurück zu dem, was sie mor­gen erwar­te­te. Eine Mordermittlung! Was sie erfah­ren hat­te, war schreck­lich. Bei der Erinnerung über­lief es sie kalt. Sie atme­te tief durch. Doch dann stieg Wut in ihr auf. Sie wür­de kei­nem Polizisten der Welt je über den Weg trau­en! Das Ergebnis stün­de für die doch von vorn­her­ein fest, irgend­ein armes Würstchen wür­de als Sündenbock her­hal­ten müs­sen. Und inner­halb kür­zes­ter Zeit wäre die Arbeit von ihr und ihren Kollegen in der Tonne: die Polizei hät­te die Asylbewerber der Hoffnung auf Gerechtigkeit in die­sem Land beraubt. Zähneknirschend dach­te sie an die müh­sa­men Versuche, Menschen einer­seits ihr bei­na­he kind­lich nai­ves Vertrauen zu bewah­ren und sie gleich­zei­tig auf die Realität vorzubereiten.

Vor ihrem ver­beul­ten Auto blieb sie ste­hen. Bevor sie auf­schloss, schlug sie mit der Faust aufs Dach, was bei ihrer Größe nicht ein­fach war.

Sie warf sich auf den Fahrersitz und wühl­te in ihrer volu­mi­nö­sen Handtasche. Auch das noch! Hatte sie wie­der nicht auf­ge­passt, hat­te ihr doch wie­der irgend­je­mand die Zigaretten geklaut? Als sie die Packung mit den Fingerspitzen berühr­te, mel­de­te sich ihr schlech­tes Gewissen. Es war so leicht, immer das schein­bar Offensichtliche zu den­ken. Aber damit lag man eben sehr oft falsch.

Sie zün­de­te sich eine Filterlose an und inha­lier­te gie­rig. Was konn­te sie tun? Langsam nahm eine Idee in ihrem Kopf Gestalt an. Entschlossen drück­te sie die halb gerauch­te Kippe in den Aschenbecher und zog sich die Lippen nach. Sie leuch­te­ten kar­me­sin­rot in der Dunkelheit.

Nach einer knap­pen Dreiviertelstunde bog sie in die Ehrenbergstraße. Wenig über­ra­schend für die­sen Stadtteil, war weit und breit kein Parkplatz in Sicht. Sie blieb im Halteverbot ste­hen. Nach kur­zem Zögern zog sie den Zündschlüssel. Beim Aussteigen schimpf­te sie lei­se auf Türkisch vor sich hin. Sie knall­te die Tür zu, ver­gaß abzu­schlie­ßen und mar­schier­te los, in dem ihr eige­nen, unver­wech­sel­ba­ren Gang. Energisch, dyna­misch, ab und zu ein klei­ner Hüpfer. Die Haare wog­ten wie Medusas Schlangen um ihren Kopf. Vor der Tür sah sie sich nach allen Seiten um, bevor sie auf Zehenspitzen den obers­ten Klingelknopf drückte.

»Detektei Wagner, was kön­nen wir für Sie tun?«, flö­te­te es aus der Gegensprechanlage.

In der Detektei im drit­ten Stock stand die Besitzerin der Stimme, ehr­furcht­ge­bie­tend groß und eine Hälfte der zwei Detektive. Sie beug­te sich leicht von der Sprechanlage zurück, um ihrem Zwillingsbruder einen ver­wun­der­ten Blick um sei­ne halb geöff­ne­te Bürotür zuzu­wer­fen. Wagner saß an sei­nem Schreibtisch und zuck­te die Schultern. Währenddessen ström­te eine Wortflut aus dem Hörer.

»Ayise!«, unter­brach Val end­lich den Strom, »Was für eine Überraschung! Komm rauf!«

»Du erin­nerst dich an Ayise?», frag­te sie ihren Bruder, »Ich habe sie beim Flüchtlingscafé in Hummelsbüttel ken­nen­ge­lernt. Sie hat mich ein­mal nach Hause zum Essen ein­ge­la­den. Köstlich! Und ein­mal war sie auch bei uns.«

Ihr Bruder erhob sich lang­sam. »Stimmt. Deine Kochkünste waren, nun ja…«

»Schon gut! Leider trinkt sie nur Pfefferminztee. Und Wasser.«

Kaum waren die Schritte oben ange­kom­men, riss Val die Tür auf.

»Bonjour! Aber natür­lich erin­ne­re ich mich an dich! Wer könn­te dich ver­ges­sen?« Nach eini­gen Sekunden füg­te sie hin­zu: »Und dei­ne Kochkünste!«

Ihr Gegenüber lächel­te erleich­tert von unten zurück. Ein Energiebündel wie ein Kugelblitz. Das sich jetzt unge­dul­dig über die wider­spens­ti­ge Mähne strich.

»Komm rein!«

Drinnen sah Ayise sich unver­hoh­len um, Zurückhaltung war nie eine Stärke von ihr gewe­sen. Takt auch nicht. Val beob­ach­te­te sie amü­siert. Dann kam ihr Bruder aus sei­nem Büro, und Ayise been­de­te ihre Inspektion. Sie strahl­te ihn an.

»Hallo, mein Lieber! Du siehst phan­tas­tisch aus!«

Er war der Gegenpol sei­ner Zwillingsschwester, ruhig, bei­na­he schüch­tern. Bevor er etwas erwi­dern konn­te, unter­brach die­se ihn schon.

»Was führt dich her ma chè­re? Ein rein freund­schaft­li­cher Besuch, oder hat es mit dem Flüchtlingscafé zu tun?«

»Hm, bei­des auch ein biss­chen. Aber vor allem brau­che ich eure Unterstützung als Detektive!«

Die Geschwister sahen sich an.

»Wenn das so ist«, sag­te Val, »dann gehen wir in unser Büro!«

»Möchtest du einen Pfefferminztee?«, frag­te ihr Bruder.

Ayise nick­te und er ver­schwand in der Küche.

 

»Heute ist die Polizei bei uns in der Unterkunft gewe­sen. Das kommt zwar öfter mal vor, aber dies­mal gab es einen schreck­li­chen Anlass.«

Sie hat­ten es sich im Konferenzraum bequem gemacht. Ayises Worte hin­gen in der Luft. Nach kur­zem Schweigen brach es aus ihr her­aus: »In der Nähe der Unterkunft haben sie ein totes Kind gefunden!«

Sie sah von Val zu ihrem Bruder. Dann fuhr sie fort: »Irgendein Idiot hat jemand in einem schwar­zen Hoody vom Tatort weg­lau­fen sehen! Jetzt ratet mal, wen sie zuerst ver­däch­tigt haben? Die woll­ten allen Ernstes wis­sen, ob einer unse­rer Bewohner ein schwar­zes Hoody hat!« Sie wisch­te sich mit einer Hand über die Stirn. »Was glaubt ihr? Jeder ZWEITE hat so ein däm­li­ches schwar­zes Teil! Abgesehen davon, auch jeder zwei­te Betreuer – aber das inter­es­siert natür­lich keinen!«

Val blin­zel­te. Erinnerungen an den ers­ten Fall der Detektei flu­te­ten ihr Gedächtnis. Sie hat­te ver­stö­ren­de Einblicke in die Kinderpornografie-Szene erle­ben müssen.

»Geht es um Missbrauch?«, frag­te sie.

Ayise starr­te eini­ge Sekunden vor sich hin.

»Ich fürch­te ja!«, erwi­der­te sie hei­ser. »Aber die Geflüchteten um die es geht, sind nicht so! Sie wol­len kei­nen Sex mit Kindern! Fast alle haben schreck­li­che Dinge erlebt. Sie möch­ten nur ver­ges­sen!« In ihre Augen hat­te sich ein fle­hen­der Ausdruck geschli­chen. Sie war sicher, dass nur ein win­zi­ger Tropfen fehl­te, um das Fass an ihrem Arbeitsplatz zum Überlaufen zu brin­gen. Erinnerungen an Unaussprechliches lau­er­ten wie Sprengstoff am Grund, hin­ein­ge­spült von einer Flut aus Tränen. Mittlerweile gär­te es in die­sem Fass. Nur ein klei­ner Funke noch, und eine gewal­ti­ge Explosion wür­de folgen.

Val hat­te auf­merk­sam zuge­hört. »Das klingt nicht unge­fähr­lich! Was sagt die Polizei…?«

Ayise stieß ein klei­nes Schnauben aus.

Die Geschwister war­fen sich einen Blick zu.

»Weißt du wie der Ermittlungsleiter heißt?«

»Wie irgend so ein Typ aus dem Paradies!«

Val prus­te­te los. Ihr Bruder sah sie stra­fend an.

»Adam?«, frag­te er.

»Ja rich­tig, genau!« Erleichtert sah Ayise von ihm zu sei­ner Schwester. »Er sieht eigent­lich ziem­lich gut aus…«

Val grins­te dies­mal sehr breit.

»Aber das wis­sen wir doch!«

Ihr Bruder ver­dreh­te die Augen.

»Siegfried ist inte­ger und auf kei­nen Fall rassistisch!«

Spöttisch erwi­der­te sei­ne Schwester: »Und er sieht gut aus! Wir müs­sen auch für Kleinigkeiten dank­bar sein!«

Bevor Wagner ant­wor­ten konn­te, sag­te Ayise: »Gut, dann bin ich auch dank­bar! Aber wir brau­chen trotz­dem Hilfe. Die meis­ten unse­rer Bewohner haben fürch­ter­li­che Angst vor der Polizei. In ihrer Heimat wur­den sie oft von den­je­ni­gen ver­folgt, die sie eigent­lich schüt­zen soll­ten! Einige wur­den gefol­tert, ande­re muss­ten mit­an­se­hen, wie ihre Familien ermor­det wur­den. Könnt ihr euch ein unge­fäh­res Bild machen?«

Wagner wisch­te sich über die Augen. Er war ein­fach zu sen­ti­men­tal! Seine Schwester run­zel­te die Stirn.

»Du möch­test also, dass wir die Unschuld der Geflüchteten bewei­sen. Wir sol­len den wirk­li­chen Täter fin­den. Das heißt, du gehst zu hun­dert Prozent davon aus, dass der Schuldige nicht im Asylantenheim zu fin­den ist!«

Die klei­ne Türkin strahl­te Val an und nickte.

 

 

Hauptkommissar Siegfried Adam zog eine Augenbraue hoch. Seine Kollegin mus­ter­te ihn von der Seite.

»Ich find’s auch nicht toll«, raun­te sie ihm zu. »Wir hat­ten halt Pech! Hätten wir etwas pünkt­li­cher den Stift fallengelassen…«

Adam seufz­te laut­los. Wenn es nur das wäre! Natürlich war es ärger­lich, kurz vor Dienstende noch aus­rü­cken zu müs­sen. Aber viel mehr beschäf­tig­te ihn das Opfer, das halb­nackt in den Büschen vor ihnen lag. Aminata-Marie Neubauer war eine gute Polizistin. Sie konn­te per­sön­li­che Gefühle aus­blen­den. Das gelang ihm nor­ma­ler­wei­se auch. Nur bei Kindern hat­te er ein Problem. Vielleicht lag es dar­an, dass er eine neun­jäh­ri­ge Tochter hat­te. Und der tote Junge, der dort wie Abfall ent­sorgt wor­den war, war höchs­tens zehn, maxi­mal zwölf Jahre alt.

Adam räus­per­te sich. Er wen­de­te sei­ne Augen vom Fundort ab und betrach­te­te die Umgebung. Ein klei­ner grü­ner Seitenstreifen, eine Oase im Häuserdschungel. Etwas abseits vom Weg und ein gutes Stück von der Straße ent­fernt. Zwei Personen näher­ten sich vom Parkplatz. Die eine war Mac Allistair, der Rechtsmediziner. Die zwei­te war der neue for­sche Staatsanwalt. In Adams Augen nicht mehr als ein Küken. Er war genau­so harm­los, riss aber den Schnabel auch genau­so­weit auf. Adam war ihm vor weni­gen Tagen zum ers­ten Mal begeg­net. Dabei hat­te er ihn, wie man so schön sagt: ›gewo­gen und zu leicht befun­den‹. Die Entscheidung, die der neue Staatsanwalt wäh­rend einer lau­fen­den Ermittlung getrof­fen hat­te, war für Adams Geschmack äußerst unbe­frie­di­gend gewe­sen. Und auch heu­te schien das Küken Adams Vorurteile bestä­ti­gen zu wol­len. Der schi­cke enge Anzug zum Beispiel. Adams Augen wan­der­ten zu den Schuhen. Grauenhaft! Spitz und modisch, kei­ne Klasse.

»N‘Abend«, sag­te das Küken.

Fernando Mac Allistair, der all­ge­mein nur Mac genannt wur­de, ging gruß­los an Adam vor­bei zum Fundort. Er trug schon wei­ßen Vlies, offen­bar hat­te er bereits am Parkplatz die Schutzkleidung über­ge­zo­gen. Nur die Überzieher für die Schuhe bau­mel­ten noch in sei­ner Hand.

Adam knurr­te eine Erwiderung an den Staatsanwalt und sah Mac hin­ter­her. Das Gelände wur­de abge­rie­gelt, Flatterbänder gespannt und zwi­schen­durch Posten auf­ge­stellt. Das blaue Einsatzlicht der Streifenwagen zuck­te über die Szenerie. Uniformierte Kollegen stan­den bei dem Notarztwagen, vor dem ein Mann auf einer Art Campingstuhl saß. Man hat­te ihm eine Decke um die Schultern gelegt. Selbst auf die Entfernung war sei­ne geis­ter­haf­te Blässe zu erken­nen. Adam gab sich einen Ruck. Er igno­rier­te das Küken, gab Neubauer ein Zeichen, ihm zu fol­gen und steu­er­te auf den angeb­li­chen Zeugen zu. Aus den Augenwinkeln sah er, wie der Staatsanwalt den Mund öffnete.

»Guten Abend! Adam, Kriminalhauptkommissar. Sie haben das Opfer gefunden?«

Der Mann trug eine graue Jogginghose und Basketballschuhe. Ansonsten wirk­te er wenig sport­lich. Unter der Decke war ein fle­cki­ges Rippenunterhemd zu erken­nen, das sich über einem beacht­li­chen Bauch spann­te. Ein Blick reich­te, und Adam war über­zeugt, dass der Zeuge in den Hochhäusern an der Peripherie des Stadtteils zu Hause war. Der Mann blick­te mit gla­si­gen Augen zu ihm auf. Neubauer leg­te eine Hand auf Adams Arm. Es war unge­wöhn­lich, dass sie so per­sön­lich wur­de. Adam run­zel­te die Stirn und mus­ter­te sie, bevor er sich end­gül­tig dem Mann zuwandte.

»Fühlen Sie sich in der Lage, mir eini­ge Fragen zu beantworten?«

Das Gesicht des Mannes war ver­quol­len. Er schien geweint zu haben. Mehrmals muss­te er Anlauf neh­men, bevor sei­ne Stimme ihm gehorch­te. Während Adam über­leg­te, was die Kommissarin ihm zu ver­ste­hen geben woll­te, hat­te der Mann sich so weit gefasst, dass er zusam­men­hän­gen­de Sätze her­vor­brin­gen konnte.

»Ich war aufm Weg nach Hause. Von der Kneipe ne Abkürzung, wenn ich hier lang­ge­he. Ich konnt doch nich wis­sen…« Seine Stimme versagte.

Adam mus­ter­te ihn genau­er. Dabei erkann­te er das Elend, das der Mann aus­strahl­te wie eine nega­ti­ve Sonne. Arbeitslos, Alkoholiker, kei­ne Perspektive. Wahrscheinlich betrun­ken und nur durch den gräss­li­chen Fund plötz­lich und uner­war­tet schock­ge­nüch­tert. Adam nick­te Neubauer zu. Keine Angst, sag­te sein Blick, ich zie­he mei­ne Samthandschuhe an!

»Rauchen Sie?«

Der Mann zog sei­ne Stirn in Falten. Dann hell­te sein Gesicht sich auf.

»Schon«, sag­te er. »Wenn Sie ne Kippe für mich hätten…«

»He, Mac, lässt Du mal ne Zigarette für den Mann hier rüberwachsen?«

Mac Allistair rich­te­te sich nicht auf, er griff nur wort­los in sei­nen wei­ßen Vliesanzug und hol­te eine Zigarettenschachtel dar­un­ter her­vor. Mit einem Arm hielt er sie hoch. Adam ließ sei­nen Blick von Neubauer Richtung Zigarettenpackung wan­dern. Seufzend setz­te sie sich in Bewegung.

»Also – kön­nen Sie uns schil­dern, was Sie heu­te Abend gese­hen haben?«

Der Mann zog gie­rig an der Zigarette.

»Wie gesagt, ich hab die Abkürzung genom­men. Ich geh hier also lang, da hör ich im Gebüsch son Geräusch, so ne Art Stöhn‘n. Das hör­te nich auf, das wur­de immer lau­ter. Also bin ich hin, um nach­zu­sehn.« Er schüt­tel­te sich und saug­te wie­der an sei­ner Zigarette, wie ein Ertrinkender.

»Das krieg ich nie wie­der ausm Kopp! Ich seh dat Kind da lie­gn und plötz­lich is alles still. Kein Geräusch mehr. Kein stöhn‘n, nix. Alles tot!« Er ließ die Kippe fal­len und trat sie aus.

»Ey Mann, mei­ne Freundin hat ein Kind, das is viel­leicht genau­so alt. Der Gedanke macht mich fettich!«

Adam konn­te nicht anders, er muss­te an Louisa denken.

»Haben Sie jeman­den in der Nähe gese­hen?«, frag­te er, wäh­rend er inner­lich fluch­te und ver­such­te, sei­ne Tochter aus sei­nen Gedanken zu verbannen.

»Kann ich nich sagen. Dieser Junge, die­ses Stöhn‘n, ich weiß nich mehr, was um mich rum los war!«

»Haben Sie den Fundort äh, ver­än­dert? Ich mei­ne, haben Sie das Kind angefasst?«

Der Mann starr­te ihn ver­wun­dert an.

»Ich bin hin. Ich hab mich aufn Boden gekniet, trotz mei­ne kaput­ten Knie! Ich hab das Kerlchen hoch­ge­nom­men. Aber det war zu spät. Der hat sich nich mehr gerührt!«

Er sah an Adam vor­bei auf den Fundort und schloss die Augen. Als er sie wie­der öff­ne­te, schien er Aminata Neubauer zum ers­ten Mal bewusst wahr­zu­neh­men. Sein Gesicht ver­fins­ter­te sich.

»Vielleicht hab ich doch was gesehn! Ich glaub, als ich das Stöhn‘n gehört hab, als ich noch nich wuss­te, was da im Gebüsch liegt, da hab ich jemand wegrenn‘n sehn!« Sein Blick blieb an der Kommissarin hängen.

»Konnten Sie etwas erken­nen? Wie sah die Person aus? Was hat­te sie an?«

»Ich glaub sie sah aus wie die da!« Er zeig­te auf Neubauer. Adam run­zel­te die Stirn.

»Wie mei­ne Kollegin? Was mei­nen Sie damit? Handelte es sich um eine Frau?«

»Ne, wohl eher ein Typ. Aber der Kerl war schwarz!« In die Augen des Mannes trat ein bös­ar­ti­ges Funkeln.

»Wir hams ja immer gewusst, dass das nich gut geht! Dahinten hockt die gan­ze Mischpoke, die wolln sich nich nur unser sau­er ver­dien­tes Geld untern Nagel reißn!«

Auf sei­nen Ausbruch folg­te ein Moment der Stille.

»Er meint wahr­schein­lich die Asylantenunterkunft, die hier in der Nähe ist!«, sag­te Neubauer lei­se zu Adam. Der kniff leicht die Augen zusam­men, bevor er nick­te. »Sie sag­ten, die Person sei weg­ge­rannt. Was mach­te das für einen Eindruck auf Sie. Sie hat­ten das Opfer ja noch nicht gefun­den. Hatten Sie das Gefühl, der­je­ni­ge war bei etwas gestört wor­den und woll­te sich aus dem Staub machen? Oder war es eher so, dass er aus Angst weg­lief, wur­de er viel­leicht selbst verfolgt?«

Adam zwang sich zu einem neu­tra­len Gesichtsausdruck. Er ging nicht mehr davon aus, eine hilf­rei­che Antwort zu bekom­men. Zeugen wie der Mann vor ihm, neig­ten dazu, ihre Gesinnung mit ihren Beobachtungen zu ver­mi­schen. Sofern der Mann über­haupt etwas gese­hen hat­te, wür­de er sich solan­ge ein­re­den, dass es sei­ne Vorurteile bestä­tig­te, bis er selbst davon über­zeugt war. Aber trotz­dem konn­te Adam die Aussage nicht ein­fach abtun.

»Fällt Ihnen sonst noch etwas ein? Zu der Person, die weg­ge­rannt ist, oder zu dem Jungen, den Sie gefun­den haben?«

»Ne. Oder doch. Der hat­te son schwar­zes Teil an, mit ner Kapuze dran. Mehr weiß ich nich, da hat­te ich näm­lich ins Gebüsch gesehn. Da wur­de mir scheißübel!«

»Vielen Dank für Ihre Aussage. Nati, wir gehen rüber zu Mac. Unser Zeuge befin­det sich ja in guten Händen!«

Er deu­te­te auf die Sanitäter, die in der Nähe war­te­ten. Sie nick­te wort­los. Dass sie nicht auf ihren Spitznamen reagier­te, zeig­te Adam, wie betrof­fen sie von der Art des Mannes war. Normalerweise hät­te sie unwei­ger­lich mit einem Sigi gekon­tert. Der über­aus ver­hass­ten Kurzform sei­nes unge­lieb­ten Vornamens. Die Personalien des Mannes hat­ten die uni­for­mier­ten Kollegen auf­ge­nom­men, und so lie­ßen Adam und Neubauer ihn ohne ein wei­te­res Wort zurück.

Sie öff­ne­te gera­de den Mund, um etwas zu Adam zu sagen, da rausch­te das Küken her­an. Staatsanwalt Dr. Mauritz Tell. Ihr blie­ben die Worte im Halse ste­cken. Adam sah von ihr zu Dr. Tell und hob eine Augenbraue.

»Können wir Ihnen helfen?«

»Ob Sie mir hel­fen kön­nen?«, Mauritz Tell schnaubte.

»Wie Sie viel­leicht wis­sen, bin ich der zustän­di­ge Staatsanwalt! Bevor Sie wei­te­re eigen­mäch­ti­ge Handlungen vor­neh­men, hät­te ich gern eine Berichterstattung über den aktu­el­len Sachverhalt!«

Adam und Neubauer war­fen sich einen Blick zu.

»Lückenlos!«, füg­te der Staatsanwalt in dem Moment hinzu.

Adam erin­ner­te sich wie­der an den ein­zi­gen Grund, der ihm eine Beförderung schmack­haft machen könn­te – je höher die Position, des­to weni­ger abhän­gig von Wichtigtuern. Andererseits – viel­leicht müss­te er dafür zu oft Golfschläger mit Arschlöchern schwin­gen. Er seufz­te übertrieben.

»Der Zeuge sagt aus, er hät­te jeman­den ver­schwin­den sehen. Kurz bevor er den Fundort kon­ta­mi­niert hat.«

»Das kann man ihm wohl kaum vor­wer­fen«, fauch­te Tell. »Aber zur Sache, konn­te er Angaben über die flüch­ten­de Person machen?«

Adam zuck­te die Schultern.

»Angeblich ein dun­kel­häu­ti­ger Mann in einem schwar­zen Kapuzenpullover.«

Der Staatsanwalt schien nachzudenken.

»Hm«, sein Blick blieb an Neubauer hän­gen. »Sie wis­sen, dass hier gleich um die Ecke ein Erstaufnahmelager ist?«

»Das haben wir tat­säch­lich schon her­aus­ge­fun­den…« Adam sah ihn spöt­tisch an. »Möchten Sie etwas andeuten?«

»Ich möch­te über­haupt nichts andeu­ten!«, don­ner­te Tell, »ich ver­lan­ge nur, dass Sie gründ­lich und vor allem sen­si­bel vorgehen!«

»Gründlich und sen­si­bel – ver­stan­den! Wird erle­digt, Doktor Tell!«

Der Staatsanwalt hol­te Luft. Aber dann dreh­te er sich nur um und ging zu sei­nem Wagen.

Adam grins­te. »Du hast es gehört: Wir ver­su­chen es aus­nahms­wei­se mit gründ­lich und sen­si­bel!« Doch im nächs­ten Moment wur­de er ernst.

»Wir stat­ten dem Asylantenheim einen Besuch ab. Ist ja gleich um die Ecke. Schauen wir mal, ob da was kocht!«

Sie hat­ten eine ers­te Spur, der woll­te er fol­gen, solan­ge sie warm war. Neubauers Blick inter­pre­tier­te er als Zustimmung.

 

Sie befan­den sich in einem Container direkt am Eingang der Unterkunft. Einlasskontrolle der Security-Firma. Die Metallschranken waren her­un­ter­ge­las­sen. Zwei Männer vom Wachdienst kon­trol­lier­ten akri­bisch ihre Ausweise. Es hat­te in letz­ter Zeit Übergriffe gege­ben. Kein Spaß für Menschen mit dunk­le­rer Hautfarbe. Sie waren ange­grif­fen und bespuckt wor­den und eine klei­ne Meute hat­te ver­sucht, sich Zutritt zur Unterkunft zu ver­schaf­fen. Außerdem kur­sier­ten Gerüchte über einen Anschlag, bei dem es Unbekannten gelun­gen war, den Zaun einer Geflüchtetenunterkunft zeit­wei­se unter Strom zu set­zen. Die Kontrollen waren ent­spre­chend ver­schärft wor­den. Adam und Neubauer häng­ten Besucherausweise um.

Die Kommissarin stapf­te hin­ter Adam her.

»Aminata…?«

»Alles klar, Chef!«

»Dann ist ja gut! Es gibt viel zu tun! Und unser Feierabend rückt gera­de in unend­li­che Weiten…«

»Als wenn das etwas Neues wäre…«, sie pfiff die Melodie von ›Raumschiff Enterprise‹.

Adam ging auf den Container mit dem Schild: Sozialstation zu. Drinnen sahen ihnen zwei Augenpaare hin­ter und eins vor dem Tresen ent­ge­gen. Adam nahm nach­ein­an­der jedes ins Visier. Schließlich blieb sein Blick an der Person vor dem Tresen hängen.

»Haben Sie hier etwas zu suchen? Sonst muss ich Sie bit­ten, zu gehen. Hier fin­det eine poli­zei­li­che Ermittlung statt!«

Einer der Männer hin­ter dem Tresen räus­per­te sich. Er sag­te etwas zu dem dun­kel­häu­ti­gen Mann vor sich, das in Adams Ohren wie Arabisch klang. Der jun­ge Mann fuhr zusam­men und dräng­te blitz­schnell an Adam vor­bei zur Tür. Mit gesenk­tem Kopf warf er noch einen schnel­len Blick auf die Polizisten, bevor er ver­schwand. Adam run­zel­te die Stirn.

»Was war das jetzt? Was haben Sie ihm erzählt?«

Der Angestellte, der offen­sicht­lich selbst nah­öst­li­che Wurzeln hat­te, lächel­te entwaffnend.

»Ich habe nur über­setzt, was Sie gesagt haben!« Er rich­te­te sei­nen Blick auf Neubauer. »Im Allgemeinen reicht hier die Erwähnung der Polizei. Für die meis­ten Bewohner sind posi­ti­ve Erfahrungen mit Gesetzeshütern die Ausnahme… Zumindest in ihrem bis­he­ri­gen Leben und in ihrem eige­nen Land. Und die­ser jun­ge Mann ist noch nicht lan­ge bei uns.«

Sein Blick wan­der­te zurück zu Adam. Inzwischen war sein Kollege auf­ge­stan­den und hat­te sich neben ihn gestellt. Er nick­te bekräftigend.

»Wie wol­len Sie eigent­lich vor­ge­hen? Wir haben hier zir­ka 60 Männer, 40 Frauen und an die 50 Kinder. Die fal­len ja wohl raus, und die Frauen auch, wenn ich rich­tig ver­stan­den habe… Aber wie wol­len Sie allein die­se 60 Männer befragen?«

Wie sich her­aus­stell­te, war die Belegschaft über den Grund ihres Erscheinens infor­miert wor­den. Der Empfang hat­te kei­ne Zeit verloren.

»Schön, dass Sie schon wis­sen wor­um es geht. Den Rest über­las­sen Sie ein­fach uns.« Adams Gesicht war unbe­wegt. Neubauer sah ihn an und räus­per­te sich.

»Mein Chef meint, auch Frauen oder Kinder könn­ten etwas beob­ach­tet haben!«

»Danke, Nati! Also die Alibis der Männer! Wer hat eins, wer nicht. Dann Frauen und Kinder, sie haben mei­ne Kollegin gehört: Wer könn­te etwas gese­hen haben? Das alles so schnell wie mög­lich, bevor sie Zeit haben, sich abzu­spre­chen.« Adam zöger­te, dann schloss er an: »Sofern der Täter über­haupt von hier kommt!«

»Ah, dann doch! The bene­fit of the doubt!« Die Betreuer war­fen sich einen viel­sa­gen­den Blick zu. »Vielen Dank, dass Sie immer­hin Raum für Zweifel las­sen!« Der Blonde füg­te hin­zu: »Wenn Sie näm­lich auf die besorg­ten Anwohner aus der Umgebung hören wür­den, wäre hier jeder männ­li­che Bewohner ver­däch­tig! Und die, die in die­sem Fall aus­nahms­wei­se nicht schul­dig wären, wären es garan­tiert beim nächs­ten Mal!« Sein Kollege grins­te. »Und sonst halt die Kanaken-Betreuer, beson­ders, die, die selbst wel­che sind!«

»Aha. Danke für die Aufklärung. Wo kön­nen wir poten­ti­el­le Zeugen befra­gen?« Er trom­mel­te mit den Fingern auf den Tresen. »Wir möch­ten ungern Menschen aus dem Schlaf rei­ßen und mit aufs Revier neh­men müssen…«

Die Stimmung im Raum kühl­te merk­lich ab. Neubauer seufz­te. Sie setz­te ihr Sonntagslächeln auf und sag­te: »Das haben wir natür­lich nicht vor! Aber wir brau­chen einen Raum. Wir müs­sen her­aus­fin­den, wer zu einer bestimm­ten Zeit auf sei­nem Zimmer war. So schnell wie mög­lich, bevor die besorg­ten Nachbarn aktiv werden!«

Sie warf einen Seitenblick auf Adam.

Adam igno­rier­te ihren Blick. Er wuss­te, dass der Betreuer recht hat­te. Die Befragung wür­de ein Problem wer­den. Von dem Sprachproblem ganz zu schwei­gen. Er seufz­te. Seine Augen wan­der­ten über die Wände des Containers. Ein Fahrplan der U- und S‑Bahnen. Busverbindungen. Eine Deutschlandkarte. Zwei Poster mit der Überschrift: Toleranz. Auf dem einen zwei Frauen, die sich umarm­ten, auf dem ande­ren zwei Männer, die sich küss­ten. Adam ver­tief­te sich in eine Liste von Kursen und Aktivitäten, geglie­dert nach Wochentagen und Veranstaltungs-Containern. Die Stimme des dun­kel­häu­ti­gen Betreuers hol­te ihn zurück.

»Die Kantine… Da könn­te es gehen! Das Essen ist durch. Ich zei­ge Ihnen, wo das ist.«

Adam nick­te. »Gut, wor­auf war­ten wir?«

Auf dem Weg zisch­te Neubauer ihm zu: »Wenn du nicht auf­hörst, mit die­sem ›good Cop bad Cop Ding‹, beschwe­re ich mich!«

»Aha«

»Im Ernst! Frauenbeauftragte, Antirassismus Abteilung! Und zum Schluss gehe ich zum Alten!« Spätestens da war klar, dass sie bluffte.

Zwei Stunden spä­ter waren sie nicht viel wei­ter­ge­kom­men. Sie hat­ten in vie­le ent­setzt auf­ge­ris­se­ne Augenpaare geblickt. Die meis­ten Bewohner waren ein­fach müde gewe­sen und hat­ten wenig ver­stan­den. Die Verständigung war pro­ble­ma­tisch, sie kamen schnell an ihre Grenzen. Arabisch konn­te der Betreuer dol­met­schen – aber Somali und ein hal­bes Dutzend ande­rer Sprachen blie­ben unübersetzt.

Aminata streck­te sich und schob die Schultern zurück. Ein jun­ger Mann aus Afghanistan ver­schwand hin­ter der Tür. Adam folg­te ihm mit den Augen. Er seufz­te und rich­te­te sei­nen Blick auf Hassan, ihren Übersetzer. »Ich habe nicht das Gefühl, dass es irgend­wie vorangeht!«

Auch Hassan seufz­te. »Was erwar­ten Sie? Die meis­ten ver­ste­hen nicht ein­mal annä­hernd, wor­um es geht. Diejenigen, die etwas ahnen, haben Angst vor Schwierigkeiten mit den deut­schen Behörden. Dieses Schreckgespenst beherrscht ihre Gedanken – es löst einen sofor­ti­gen Fluchtimpuls aus. Sie möch­ten sich am liebs­ten in irgend­ei­nem Loch verkriechen!«

Adam war müde. Seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt, und in naher Zukunft war kei­ne Änderung die­ses Zustands in Sicht. Er run­zel­te die Stirn. »Das bringt uns nichts. Wir machen mor­gen wei­ter!« Endlich zu einem Entschluss gekom­men, ging es ihm gleich bes­ser. »Können Sie uns garan­tie­ren, dass hier nie­mand über Nacht verschwindet?«

Hassan sah unwill­kür­lich hin­über zu dem schul­ter­ho­hen Zaun. Er zuck­te mit den Schultern. »Solange da kei­ner drü­ber­klet­tert…« Seine Augen wan­der­ten zu den Männern des Security Personals. Sie patrouil­lier­ten über das gesam­te Gelände. »Keine Chance, wür­de ich sagen!«

»Achten sie beson­ders auf die­je­ni­gen Männer, die nicht nach­wei­sen konn­ten, wo sie sich auf­ge­hal­ten haben! Zehn…« Hassan sah ihn ver­ständ­nis­los an.

»Was ist mit Zen

»Nicht Zen! Es waren zehn Männer! Ich wer­de sie mor­gen­früh befra­gen. Sorgen Sie nur für Dolmetscher!«

Der Rückweg zum Eingang führ­te zwi­schen drei­stö­cki­gen Containern hin­durch. Auf den ange­schraub­ten Außentreppen aus Lochblech kau­er­ten ver­ein­zelt Menschen und sahen ihnen hin­ter­her. Das Licht der Scheinwerfer, die auf dün­nen Masten hoch über ihnen rag­ten, war weiß­lich, aber schwach. Lange Schatten eil­ten ihnen vor­aus. Die Stimmung war selt­sam, nachts ver­stärk­te sich der Eindruck eines Lagers oder Gefängnisses. Der hohe grü­ne Metallzaun trug sei­nen Teil dazu bei. Adam frag­te sich, ob er eher Menschen drin­nen oder drau­ßen hal­ten sollte.

Ein Spielplatz. Zwei Autoreifen hin­gen über der Sandkiste an einem Gerüst. Sie schau­kel­ten leicht im Wind. Als wären dort eben Kinder her­un­ter­ge­sprun­gen. Rechts vor ihnen tauch­te der ver­git­ter­te Gang zum Security-Container auf. Adam hat­te das Gefühl, sie wür­den beob­ach­tet. Nicht nur von ent­fern­ten Silhouetten hin­ter Treppengeländern, er glaub­te einen flüch­ti­gen Schatten gese­hen zu haben, der ihnen seit ihrem Abzug aus dem Küchencontainer folg­te. Er ver­lang­sam­te sei­ne Schritte und sah sich unauf­fäl­lig um. Nichts zu sehen. Aber das Gefühl blieb.

»Spürst du das auch?«, Neubauer flüs­ter­te. Sie hat­te sich sei­nem Tempo ange­passt und hielt sich dicht neben ihm.

»Alles was ich gera­de spü­re, ist blei­er­ne Müdigkeit – und Lust auf ein Kaltgetränk!« Er grins­te auf sie herab.

Sie fun­kel­te zurück. »Sigi, ver­arsch mich nicht. Ich weiß, dass Du es auch bemerkt hast!«

»Aha. Vielleicht hast du recht. Nati die Weise…« Ihr dunk­les Gesicht ver­schmolz mit der Nacht, aber der Zorn in ihren Augen war deut­lich zu erken­nen. Er seufzte.

»Selbst wenn – wir kön­nen nichts machen! Ich habe kei­ne Fernbedienung für Flutlicht dabei. Auch kein SEK, das sich auf Verfolger stürzt.«

Sie hat­ten den Container am Eingangsbereich fast erreicht. Neubauer ant­wor­te­te nicht. Nur an der Art, wie sie ging, konn­te er ihre unter­drück­te Wut ablesen.

»Nati, wir kom­men mor­gen früh wie­der. Dann gehen wir der Sache auf den Grund. Ich glau­be nicht, dass wir hier jetzt weiterkommen.«

Vor der Einfahrt stan­den Polizeifahrzeuge. Bei eini­gen krei­sel­te noch das Blaulicht auf dem Dach. Die Scheinwerfer hat­ten sie erfasst und Neubauers Resignation wur­de mit hoher Wattzahl aus­ge­leuch­tet. Beim Auschecken tra­fen sie den Betreuer, der für sie Arabisch gedol­metscht hat­te. Adam sah ihm nach, dabei bemerk­te er die gro­ße Anzahl Zivilfahrzeuge vor dem Gelände. Wahrscheinlich besorg­te Bürger. Damit nicht genug, stan­den kreuz und quer Transporter mit Werbeaufdrucken diver­ser Nachrichten- und Privatsender, die in die­sem Moment ihre Insassen aus­spuck­ten. Kaum hat­ten Adam und Neubauer den Sicherheitsbereich ver­las­sen, wur­den ihnen über­di­men­sio­na­le Mikrofone entgegengereckt.

Adam sah Neubauers besorg­ten Blick und beschloss, sich zusam­men­zu­rei­ßen. Außerhalb des Zirkus‘ lehn­te ein KTU Mitarbeiter an einem neu­tra­len Wagen.  Er war in Zivil, aber Adam hat­te ihn erkannt und ver­such­te Blickkontakt.

»Stimmt es, dass ein Kind getö­tet wur­de? Haben Sie einen der Flüchtlinge in Verdacht?«

»Hat die Tat einen isla­mis­ti­schen Hintergrund? Sind wei­te­re Kinder gefährdet?«

»Haben die Anwohner Grund zur Beunruhigung? Ist das Asylantenheim eine Bedrohung für ihre Familien?«

»Wollen die uns einschüchtern?«

»Warum reagiert der Staat nicht? Müssen wir erst völ­lig hilf­los sein?«

»Warum kön­nen die hier machen…«

Adam reich­te es. »Lassen Sie uns durch! Wir haben zu tun!«

Das Stimmengewirr wur­de ohren­be­täu­bend. Neubauer zog an sei­nem Jackenärmel. Ihr schwan­te nichts Gutes. Da brüll­te ihr Chef schon: »Verdammt noch­mal, die Show ist vor­bei! Geht nach Hause Leute!«

Sie wies mit dem Kopf zur Seite. Dort schien es eine Öffnung in der Gruppe auf­ge­reg­ter und zuneh­mend aggres­si­ver Gesichter zu geben.

Adam stapf­te mit Neubauer im Schlepptau auf die Lücke zu. Auf dem Weg schlug er Mikrofone zur Seite und hät­te sich bei­na­he geprü­gelt, aber sie zerr­te ihn wei­ter. Im Laufschritt lie­ßen sie die Menge hin­ter sich. Der KTU Mitarbeiter öff­ne­te ohne ein Wort die Beifahrertür. Neubauer rutsch­te nach hin­ten, Adam ließ sich auf den Beifahrersitz fallen.

»Uff, gera­de noch!« Sie schüt­tel­te sich. »Wie die Hyänen!«

»Wenn die eine Story wit­tern, sind sie erbar­mungs­los!«, der Kollege von der KTU zuck­te die Schultern. »So läuft das nun Mal…«

»Dazu noch die besorg­ten Anwohner«, mur­mel­te sie.

Adam räus­per­te sich.

»Vielen Dank für’s Warten!«

Der Mann knurr­te noch sei­ne Erwiderung, als Adam schon wei­ter­sprach: »Wie sieht es mit Spuren am Fundort aus? Habt ihr was für uns?«

Der Mann ant­wor­te­te nicht, er starr­te ner­vös durch die Windschutzscheibe. Draußen dreh­ten sich Gesichter zu ihnen um. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Reporter und Anwohner sich auf den Weg machen würden.

»Ich hof­fe, Sie haben nichts dage­gen, die­sen beschau­li­chen Flecken zu ver­las­sen? Wo steht ihr Wagen? Soll ich Sie hin­brin­gen, oder holen Sie ihn morgen?«

Seinen Wagen, mor­gen? Auf kei­nen Fall! Wortlos wies Adam den Weg. Als kurz dar­auf sein Mustang Shelby in Sicht kam, pfiff der Kollege von der Spurensicherung aner­ken­nend. »Hatte ich fast ver­ges­sen! Klar! Kommissar Adam mit dem Mustang!«

Auf dem Rücksitz ver­dreh­te Neubauer die Augen. Männer! Aber sie wuss­te natür­lich, war­um der Wagen heu­te auf kei­nen Fall irgend­wo ste­hen blei­ben konnte.

»Könnten wir bei der Sache blei­ben? Welche Ergebnisse hat die Spusi aus dem Hut gezaubert?«

Während die Innenbeleuchtung stu­fen­wei­se erlosch, erfuh­ren Adam und Neubauer, dass die Voruntersuchungen ihre Vermutungen bestä­tig­ten. Das Kind war miss­braucht wor­den. Nach jet­zi­gem Sachstand hat­te der Missbrauch nicht am Fundort statt­ge­fun­den. Der Tod war unmit­tel­bar vor dem Auffinden ein­ge­tre­ten. Warum der Täter das Kind nicht vor­her getö­tet hat­te, war unklar. Möglicherweise hat­te er sein Opfer wäh­rend der Tat ledig­lich am Schreien hin­dern und es sich danach vom Hals schaf­fen wol­len. Erst am Ablegeort hat­te er viel­leicht die poten­ti­el­le Gefahr eines Augenzeugen erkannt.

Sie saßen einen Moment lang schwei­gend im Dunkeln. Dann räus­per­ten Adam und Neubauer sich bei­na­he gleich­zei­tig und schäl­ten sich aus ihren Sitzen.

Adam fum­mel­te den Schlüssel des Mustangs ins Schloss. Kaum hat­te er die Tür geöff­net, hoben sich auf dem Beifahrersitz zwei Augenschlitze aus einem klei­nen Berg aus Fell. Kurz dar­auf war ein win­zi­ger Kopf zu erken­nen, vier Pfoten, das Bündel streck­te sich und gähn­te aus­gie­big. Adam beug­te sich hin­über und zog den Entriegelungsknopf. Dann hob er den Hund hoch, und war­te­te bis Neubauer sich gesetzt hat­te. Nachdem sie ihm das Tier abge­nom­men hat­te, ver­grub sie ihr Gesicht in dem wei­chen Fell.

»Diese jun­ge Dame ist ein­fach unwiderstehlich!«

»Sie geht heu­te noch zurück an den Absender…«

»Schade eigent­lich. Mit ihr hät­ten wir mor­gen viel­leicht einen Sympathiebonus bei den Befragungen.«

Adam star­te­te den Motor.

»Hm. Meinst Du? Ist Hund nicht bei Arabern ein schlim­me­res Schimpfwort als Schwein?«

»Kann schon sein. Aber hey, wir spre­chen hier von Chica!«

Sie sah Adam an. Er seufz­te. Frauen hat­ten immer die­sen beseel­ten Blick, wenn es um den Hund ging. Außer Sophia natür­lich. Andererseits. Jetzt über­leg­te er tat­säch­lich ernst­haft, ob sie Recht haben könn­te. Er setz­te sei­ne Kollegin trotz Umweg in Barmbek ab und fuhr wei­ter nach Altona.

Chica, der Norfolk Terrier sei­ner Tochter, wur­de ihm immer dann von sei­ner Exfrau aufs Auge gedrückt, wenn ihr gemein­sa­mes Kind ohne Hund ver­rei­sen muss­te. Nicht, dass er etwas dage­gen gehabt hät­te, auf das Tier auf­zu­pas­sen. Jedenfalls hat­te sich auch nach einer alko­ho­li­sier­ten gemein­sa­men Nacht nichts an die­sem Arrangement geän­dert. Sie hat­ten jene Nacht in einer Mischung aus Sentimentalität und Trotz mit­ein­an­der ver­bracht und seit­dem kein Wort mehr dar­über ver­lo­ren. Seine Ex leb­te in Trennung von wie­der­um ihrem Ex. Irgendwie amü­sant. Hätte der Typ ihr nicht ab und zu eine geknallt. Und sei­ne Tochter die Ohrfeigen nicht mit­be­kom­men. Adam knirsch­te mit den Zähnen. Seine Tochter, die eigent­lich die Tochter die­ses Arschlochs war. Aber das wuss­te zum Glück nur er allein. Das war gut und soll­te so blei­ben. Aber die­se Nacht… Er wuss­te nicht mal genau, was pas­siert war, ob etwas pas­siert war! Sie hat­ten bei­de zu viel getrun­ken. Er fuhr in die Garage. Nun war es sowie­so zu spät. Er wür­de den Hund mor­gen, wenn die Befragung been­det war, nach Volksdorf brin­gen. Seine Tochter kam mor­gen Mittag von ihrer Klassenreise zurück. Bis zum frü­hen Abend wür­de sie Chicas Abwesenheit ver­schmer­zen können.

Adam stöhn­te, als ihn durch nach­läs­sig vor­ge­zo­ge­ne Gardinen ein Sonnenstrahl traf. Kaum war er halb­wegs wach, nahm das Gedankenkarussell Fahrt auf: Seine Tochter Louisa, sei­ne Exfrau Sophia und ihr frisch­ge­ba­cke­ner Exmann, der sie geschla­gen hat­te. Und die Nacht mit ihr…

Verdammt! Schlafen war gera­de gestor­ben. Adam  warf die Bettdecke zurück und schlurf­te in die Küche. Als ers­tes erweck­te er die Cappuccinomaschine zum Leben. Dann füll­te er Hundefutter in den Napf. Während der Kaffee durch­lief, sah er dem Hund beim Fressen zu. Er ließ ihn kurz in den Innenhof, bevor er wie­der unter die Bettdecke kroch und sich mit sei­nem Kaffeebecher ans Kopfkissen lehnte.

Abwesend pus­te­te er auf die hei­ße Flüssigkeit. Seine pri­va­ten Probleme lie­ßen sich im Moment nicht lösen.

Dieser Mord an dem Kind nahm ihn mit. Abgesehen von per­sön­li­chen Gefühlen, gab es unzäh­li­ge Fragen zu klä­ren. Das öffent­li­che Interesse an die­sem Fall irri­tier­te ihn zusätz­lich. Zur Identifizierung des Kindes hat­te es bis­her nicht bei­getra­gen. Stattdessen zwang es sie, jede Aussage auf die Goldwaage zu legen. Dazu wur­de eine unge­müt­li­che Atmosphäre aus Vermutungen und Vorurteilen geschaf­fen. Er leer­te den Becher. Er wür­de den Täter fin­den, Moslem oder Christ oder Atheist! Ein Blick auf die Uhr kata­pul­tier­te ihn aus dem Bett.

Adam hat­te sich in sei­nen Jogging-Anzug gequält. Er schnür­te die Schuhe und steck­te Chicas Leine in die Hosentasche. Seit kur­zem hat­te er die Freude an sei­nem mor­gend­li­chen Ritual ver­lo­ren. Er lief die glei­che Strecke wie immer, fast immer zur glei­chen Zeit, aber sie hat­te er schon seit Wochen nicht mehr getrof­fen. Es war fast, als wür­de sie ihn mei­den. Er muss­te sich zwin­gen, sei­ne Routine auf­recht­zu­er­hal­ten. Vielleicht war er ein Feigling, aber anru­fen wür­de er sie nicht. Noch war er nicht so weit. Sein Weg führ­te ihn hin­un­ter an die Elbe. Normalerweise lieb­te er den Blick aufs Wasser. Heute rann­te er ver­bis­sen durch den Sand. Extra neben dem Steg, so wie sie. Obgleich es unglaub­lich anstren­gend war. Der Hund sprang fröh­lich um ihn her­um. Auf dem Rückweg mach­te er den übli­chen Abstecher zu dem klei­nen Portugiesischen Café. Auch hier war sie nicht. Mürrisch bestell­te er einen dop­pel­ten Bica und eine por­tu­gie­si­sche Kalorienbombe. Dann frag­te er am Tresen nach Leo. Maria wich aus. Sie schien mit einem Mal sehr beschäf­tigt, und er konn­te sehen, wie sie grim­mig das Gesicht ver­zog. Was war nur los? Adam zahl­te und mach­te sich lust­los über sei­ne Nata her. Nach der Hälfte schob er den Teller bei­sei­te. Ihm wur­de lang­sam kalt. Er stürz­te den letz­ten Tropfen Koffein hin­un­ter und trab­te nach Hause.

Im Büro begeg­ne­te er hoch­ge­zo­ge­nen Augenbrauen und ver­zück­ten Ausrufen. Letztere haupt­säch­lich von weib­li­chen Kollegen. Andreas Guenther aus sei­nem Team kam ihm ent­ge­gen. Er warf einen Blick auf den Hund und grins­te breit.

»Ah! Der Chef hat eine neue Klobürste besorgt! Wurde auch Zeit!«

Adam ging an ihm vor­bei in sein Büro. Kai von Wendsheim und Aminata Neubauer saßen an ihren Schreibtischen. Von Wendsheim blick­te von sei­nem Computer auf. Er hat­te Guenther gehört und sag­te: »Mensch Andreas, du Vollpfosten! Das sieht doch ein Blinder, dass das kei­ne Klobürste ist! Der Chef hat­te halt noch kei­ne Zeit zum Rasieren!« Er mach­te ein nach­denk­li­ches Gesicht. »Aber war­um ziehst du den Pinsel hinterher?«

»Wirklich wit­zig! Genau das Niveau, das ich erwar­tet hat­te. Leider kei­ne Überraschung!«

Er wur­de unter­bro­chen, als die Tür sich hin­ter ihm öff­ne­te. Der Alte steck­te den Kopf her­ein. Er sah den Hund und erstarrte.

»Adam, was soll das wer­den? Wollen Sie hier einen Streichelzoo ein­rich­ten?« Kurt Walther schüt­tel­te den Kopf. »Kommen Sie bit­te alle in mein Büro. Sofort!« Er warf noch einen Blick auf Chica. »Ohne den Hund!«

Auf dem Schreibtisch von Kurt Walther lagen Ausgaben ver­schie­de­ner Boulevardzeitungen. Die Schlagzeilen spran­gen ins Auge: Hamburger Polizei bestrei­tet Schuld von Flüchtlingen! und Wer wird hier geschützt? waren die gemä­ßig­ten Varianten.

Walther tipp­te wort­los mit dem Zeigefinger auf die Überschriften. Adam war­te­te eini­ge Sekunden, dann sag­te er: »Wegen die­sem Mist soll­ten wir hof­fent­lich nicht unse­re Arbeit unterbrechen?!«

Der Alte seufzte.

»Adam, Adam!« Während er noch an sei­ne Betablocker dach­te, brüll­te er schon los: »Doch, genau das soll­ten Sie! Weil es näm­lich wich­tig ist, wie die­se Regenbogen-Presse über uns berich­tet! Sie kann uns die Arbeit erleich­tern oder erschwe­ren, die Wahl liegt bei Ihnen!« Er schüt­tel­te den Kopf. »Sein Sie doch nicht so verbohrt!«

Adam nick­te mit unbe­weg­tem Gesicht.

»Okay, ver­bohrt war ges­tern! Können wir jetzt weiterarbeiten?«

»Arbeiten? Sie schie­nen mir eher ihr Hündchen Gassi zu füh­ren!« Walther sack­te leicht in sich zusam­men. Ich darf mich nicht auf­re­gen, drück­te sei­ne Miene aus.

Adam zuck­te die Achseln.

»Psychologische Kriegsführung, wenn Sie so wol­len. Der Hund bringt uns Sympathiepunkte bei den Befragungen ein.«

Seine Augenbraue kleb­te schon wie­der knapp unter sei­nem Haaransatz.

»In Gottes Namen, dann neh­men Sie den Köter halt mit. Aber wehe, mir kom­men Beschwerden zu Ohren! Irgendwann könn­ten selbst Ihre Sympathiepunkte über­reizt sein!«

Zurück in ihrem Büro feix­te Guenther: »Unser Chef hat Sympathiepunkte! Ich kenn das von mei­ner Nichte. Das Sams. Das hat­te auch so Punkte…«

»Andreas, wenn Du nicht gleich die Klappe hältst, ver­ges­se ich mich…«

»Kai, Aminata! Habt Ihr das gehört? Unser Chef droht mir, mas­siv sogar!«

»Falls er Hilfe braucht… Aminata, bist du dabei?«

Sie nick­te. Guenther schmoll­te. Adam mus­ter­te die drei Kommissare ernst.

»Der Junge ist zwi­schen neun und elf Jahre alt. Er wur­de miss­braucht, erwürgt. Wer kommt mit in die Rechtsmedizin?«

Schlagartig ver­stumm­ten die Kommentare.

»Andreas, bist du dabei?«

Der Angesprochene schluck­te. »Klar«

Adam nick­te. »Gut, das wäre geklärt. Kai und Aminata, ihr küm­mert euch um die Hinweise von der KTU. Nach der Leichenschau kommt Aminata mit mir ins Flüchtlingslager.«

Er schmun­zel­te. »Wir neh­men unse­ren Sympathiepunktebonus mit…«

 

Die Fähre pflüg­te durch den auf­ge­wühl­ten Atlantik. An Deck nur eine ein­sa­me Gestalt, rote Locken, vom Sturm zer­zaust. Die übri­gen Passagiere saßen im beheiz­ten Fahrgastraum. Sie trotz­ten dem Wetter lie­ber hin­ter zer­kratz­ten, von Gischt ver­schlier­ten Scheiben mit Irish Coffee oder hei­ßem Tee.

Eva Leonora Johann starr­te ins Grau. Meer und Himmel waren kaum zu unter­schei­den. Im Schiffsbauch stampf­ten die bei­den Dieselmotoren und brach­ten ihren Magen zum Vibrieren. Sie moch­te das Gefühl. Genau wie das vom Wind zer­hack­te Möwengekreisch und die Schaumkronen auf den Wellen. Ein per­fek­ter Moment. Fast. Sturm und Kälte konn­ten ihre Erinnerung nicht betäu­ben. Zuerst stieg Adam kurz dar­in auf. Aber das Problem war der Andere. Noch nie hat­te jemand sie so ver­un­si­chert. Ihre Hände an der Reling waren bei­na­he gefühl­los, sie pus­te­te abwe­send hin­ein, ver­senk­te sie in den Jackentaschen.

Vor zwei Wochen war sie dem Schotten nach Schottland gefolgt. Rückblickend ein Fehler. Doch weni­ge Männer hat­ten sie bis­her ernst­haft inter­es­siert, auch dies­mal hat­te sie sich in Sicherheit gewähnt. Zweiter Fehler. Die Sache war irgend­wann aus dem Ruder gelau­fen, so viel stand fest. Heißes Begehren hat­te sie nicht zum ers­ten Mal erlebt, doch was dann folg­te, war etwas völ­lig Neues. Das zar­te Erkunden einer ver­letz­ten Seele. Ungewohnt, ver­wir­rend, etwas hat­te sie in ihrem Innersten berührt. Danach jedoch – kei­ne Erfüllung. Keine Befriedigung im her­kömm­li­chen Sinne. Der drit­te Fehler war ein­deu­tig, dass sie nicht sofort das Weite gesucht hat­te. Stattdessen hat­te sie zuge­las­sen, dass er sie zurück­wies. Immer wie­der. Denn jedes Mal, wenn das Sehnen uner­träg­lich wur­de, war er abge­taucht. Auf die Jagd, schwim­men, fischen. Fort. Bevor sie voll­ends ver­rückt wur­de, hat­te sie die Konsequenzen gezo­gen. Jetzt spür­te sie wie­der den eisi­gen Wind auf ihrem Gesicht, Meersalz misch­te sich mit dem Salz aus ihren Augen. Sie wisch­te mit der Hand dar­über. Sie muss­te end­lich nach Hause

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Die Pathologie. Guenther schau­der­te. Eigentlich war er ein har­ter Hund, aber hier unten brö­ckel­te sei­ne Fassade. Allein die Lage die­ser Abteilung sprach Bände – im Keller. Die Leichen wur­den im Untergeschoss auf­be­wahrt und unter­sucht. Eine Art Vorhölle. Er spür­te leich­tes Sodbrennen auf­stei­gen. Diesen Gang war er unzäh­li­ge Male ent­lang gegan­gen. Trotzdem ver­spann­ten sich sei­ne Muskeln jedes Mal aufs Neue. Seine Anspannung war so groß, dass er frös­tel­te. Und dies­mal war es auch noch ein Kind! Er senk­te den Kopf zwi­schen die Schultern und stapf­te hin­ter Adam her. Für den muss­te es viel schlim­mer sein. Schließlich hat­te Adam eine Tochter. Einige Sekunden lang über­leg­te Guenther ernst­haft, ob er sich vor der Leichenschau drü­cken könn­te. Aber eine gewis­se Loyalität zu Adam hin­der­te ihn dar­an. Außerdem wür­de es in Windeseile die Runde machen… Also Augen schlie­ßen und durch! Adam dreh­te sich nach ihm um. War sein Unbehagen so offen­sicht­lich? Er riss sich zusammen.

Adam hob eine Augenbraue. Hoffentlich kipp­te Andreas nicht um. Er hat­te mit sich selbst genug zu tun, er konn­te nicht noch Babysitter für sei­nen nor­ma­ler­wei­se hart­ge­sot­te­nen Kollegen spie­len. Er seufz­te. Es gab so Momente… Manchmal wünsch­te er sich, mit gewis­sen Dingen nichts zu tun haben zu müs­sen. Er trös­te­te sich im Allgemeinen damit, dass er es war, der die Schuldigen der Gerechtigkeit zuführ­te. Wobei Schuld manch­mal ein sehr dehn­ba­rer Begriff war.

Ungeduldig leg­te er in der Herrenumkleide die vor­ge­schrie­be­ne Schutzkleidung an. Nur Kittel, Überschuhe und Haarnetz, das war Pflicht, auf den Rest ver­zich­te­te er. Guenther folg­te sei­nem Beispiel, obwohl er aus­sah, als hät­te er sich auch über Augenbinde und Nasenklammer gefreut.

Adam stieß die Tür auf. Eindeutig zu vie­le Menschen im Raum, trotz des gro­ßen Sektionsraums, in dem drei Obduktionstische Platz fan­den. Außer Mac Allistair und sei­nem Assistenten stan­den zwei wei­te­re Personen vor dem Stahltisch, auf dem das Opfer lag. Er hät­te es sich den­ken kön­nen! Dieser Fall mit sei­nen poli­ti­schen Fallstricken – klar, dass das LKA mit­mi­schen würde!

»Robert, Claudia… ihr seid also immer noch vergnügungssüchtig!«

Guenther, der wider­stre­bend hin­ter Adam den Raum betre­ten hat­te, ver­gaß für eini­ge Sekunden sein Unwohlsein. Auch er kann­te die bei­den Ermittler vom LKA. Man nick­te sich zu.

»Ist es also wie­der soweit?«, Adam rich­te­te sei­nen Blick auf Robert van Veen. Der war Leiter von einer der sechs Mordbereitschaften des LKA. Sie hat­ten in der Vergangenheit wie­der­holt zusammengearbeitet.

Der Angesprochene betrach­te­te für einen Moment den viel zu klei­nen Körper auf der stäh­ler­nen Unterlage.

»Glaube mir«, erwi­der­te er end­lich ton­los, »die­ses Mal hät­te ich gern dar­auf verzichtet!«

Inzwischen kämpf­te Guenther wie­der mit sei­ner Übelkeit. Adam war­te­te inner­lich auf eine von Calabreses bis­si­gen Bemerkungen, aber sie hielt sich erstaun­li­cher­wei­se zurück. Mac Allistair räus­per­te sich.

»Wenn wir dann alle soweit wären…«

Zwischendurch sah auch Adam das eine oder ande­re Mal zur Seite. Sein Gesicht blieb unbewegt.

Guenthers‘ Blässe spiel­te mitt­ler­wei­le ins Grünliche. Sein Blick wan­der­te von dem Körper zu dem Beistelltisch aus Stahl. Ein Instrument sah aus wie eine Suppenkelle, ein ande­res wie ein gewöhn­li­ches Brotmesser. Guenther würg­te. Calabrese hob die Brauen. Zwei per­fek­te Bögen, wie Rabenflügel über unna­tür­lich blau­en Seen. Guenther hus­te­te und ver­such­te, sei­nen Brechreiz zu unter­drü­cken. Adam bedeu­te­te ihm mit einem Kopfnicken, vor die Tür zu gehen. Guenther gehorch­te, wütend ob sei­ner Hilflosigkeit. Er zog die Tür hin­ter sich zu, und Adam im glei­chen Augenblick hör­bar die Luft ein. Endlich! Er wand­te sich wie­der Mac zu.

»Nochmal, sor­ry, ich war abge­lenkt… Du sagst, das Opfer wur­de nicht zum ers­ten Mal vergewaltigt?«

MacAllistair seufz­te vernehmlich.

»Richtig! Kurz bevor er erwürgt wur­de, hat­te er sexu­el­len Verkehr. Analverkehr. Aufgrund des ver­narb­ten Gewebes kön­nen, müs­sen wir davon aus­ge­hen, dass es sich nicht um das ers­te Mal handelte.«

Verdammte Scheiße, dach­te Adam, was für ein Albtraum! Er warf einen Blick auf van Veen. Der erwi­der­te den Blick mit einem: Hab ich es nicht gesagt… Ausdruck.

»Wie sieht es mit Spuren aus?«, frag­te Claudia Calabrese. »Sperma, Fasern, Hautpartikel unter den Fingernägeln, das Übliche…«

Mac Allistair schüt­tel­te den Kopf.

»Bis jetzt nega­tiv.« Er betrach­te­te ein­ge­hend das Klemmbrett in sei­ner Hand. Als wenn er die Ergebnisse nicht aus­wen­dig wüss­te. »Wir sind natür­lich dran. Einige Untersuchungen ste­hen aus. Die müss­ten wir in den nächs­ten fünf bis sechs Stunden haben. Aber wir kön­nen mit ziem­li­cher Sicherheit davon aus­ge­hen, dass es sich nicht um ein in Deutschland auf­ge­wach­se­nes Kind handelt!«

»Aha«, sag­te Adam wie­der einmal.

»Welchem Umstand ver­dan­ken wir die­se Erkenntnis?«

Mac Allistair mus­ter­te ihn mit gerun­zel­ter Stirn.

»Anhand ver­schie­de­ner Indizien gehe ich davon aus, dass der Junge aus Osteuropa stammt. Rumänien viel­leicht. Diese Hypothese basiert unter ande­rem auf dem Zustand der Zähne und der Ernährung des Opfers. Wir kön­nen das Alter mit ziem­li­cher Sicherheit auf neun Jahre fest­le­gen. Das tat­säch­li­che Wachstum stimmt aller­dings nicht mit einer alters­ty­pi­schen Entwicklung über­ein, so wie sie bei uns üblich wäre.«

Adam starr­te auf den Boden. Fast benei­de­te er Guenther um sei­nen Abgang. Aber er nahm sich zusammen.

»Okay. Ich schla­ge eine Lagebesprechung in mei­nem Büro vor. Geplant war, dass ich mit Aminata in die Aufnahme fah­re, Bewohner befra­ge, Alibis che­cke, etce­te­ra, etce­te­ra…. Wahrscheinlich wollt ihr, oder einer von euch, dabei sein?!« Die Resignation in sei­ner Stimme ließ sich nicht ver­ber­gen. Seine Betonung von: Einer von euch, ver­an­lass­te van Veen zu einem grim­mi­gen Schmunzeln.

»Richtig! Wenn es dir recht ist, wird Brander euch begleiten!«

Wenn es dir recht ist, geschenkt! dach­te Adam. Ob es ihm recht war oder nicht, spiel­te in die­sem Fall kei­ne Geige mehr. Van Veen war ab sofort der Chef. Aber offen gestan­den – er freu­te sich auf Brander Amund Angerboda! Und er wuss­te auch, wer sich noch freu­en würde!

Adam dach­te noch an Aminata Neubauer, als er aus den Augenwinkeln sah, wie MacAllistair eine klei­ne Kreissäge über sei­nen Kopf hob. Die Polizisten konn­ten den Raum nicht schnell genug ver­las­sen. Sie hör­ten noch Macs: »Endlich kann man in Ruhe arbei­ten!«, und zogen die Tür hin­ter sich zu.

Guenther wan­der­te im Flur auf und ab und stand unver­mit­telt Calabrese gegen­über. Seine Gesichtsfarbe hat­te mitt­ler­wei­le einen gesün­de­ren Farbton ange­nom­men, aber ihr Auftauchen brach­te ihn aus der Fassung. Schließlich ver­such­te er sich an sei­nem übli­chen Grinsen. Sie mus­ter­te ihn von oben bis unten.

»Der Herr Kommissar waren wohl unpäss­lich? Wie bedau­er­lich! Zum Glück hat­te er erwach­se­ne Kollegen dabei.«

Adam kann­te Guenther, und nor­ma­ler­wei­se hät­te er in die­ser Situation kein Mitleid mit ihm gehabt. Wäre es nicht Calabrese gewesen.

»Apropos, Claudia…. Seit wann spielst Du wie­der mit?«

»Siegfried!«, sie lächel­te, aber ihre Augen schos­sen Blitze. »Keine Sorge! Ich bin voll im Einsatz!« Ihre Lippen form­ten laut­los das Wort: Cretino!

Van Veen räus­per­te sich. »Claudia! Adam, du sprachst von einer Lagebesprechung. Wir soll­ten kei­ne Zeit ver­lie­ren. Wir müs­sen mit den Befragungen begin­nen! Ich habe mir erlaubt, Brander auf dein Revier zu bestel­len. Er dürf­te inzwi­schen ein­ge­trof­fen sein. Also Aufbruch!«

Van Veen woll­te sich wäh­rend der Fahrt mit Adam bespre­chen und danach ins LKA Präsidium, des­halb muss­te Guenther bei Calabrese ein­stei­gen. Er riss die Tür auf, pflanz­te sich auf den Beifahrersitz und ver­fiel sofort in brü­ten­des Schweigen. Auf der gan­zen Strecke äußer­te kei­ner ein Wort, aber bei der Ankunft war die Stimmung im Wagen hochexplosiv.

 

Angerboda war im Altonaer Revier ein­ge­trof­fen. Das LKA hat­te ihn ange­kün­digt und daher wur­de er bereits von Kriminaloberrat Walther erwar­tet. Eine Ehre, auf die er gern ver­zich­tet hät­te. Aber Angerboda war ein höf­li­cher Mensch, und so saß er auf einem viel zu klei­nen Besucherstuhl und ant­wor­te­te gedul­dig auf die Art von Banalitäten, die er eigent­lich ver­ab­scheu­te. Er warf einen unauf­fäl­li­gen Blick auf Walthers Schreibtischuhr. Wo zum Teufel blieb Adam? Außerdem wuss­te er, dass irgend­wo neben­an Aminata in einem Büro saß. Das war genau der Ort, an dem er jetzt sein woll­te. Er unter­drück­te ein Seufzen. Seine Augen wan­der­ten über Walthers Familienfotos an der Wand. Im Anschluss eine Reihe, auf der Walther mit Politik und Wirtschaft die Schultern rieb. Ein Weingut, irgend­wo in Süddeutschland, Walther mit einem Glas in dem sich die Sonne spie­gel­te – neben ihm ein bekann­ter deut­scher Politiker.